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Simple Life

Simple Life
Dancetheatre Chang und That Enemy within
Grenzen und Einheit
Namjin Kim lotet in seinem Tanz die Grenzen aus. In der ersten Choreographie des Dancetheatre Chang „Story of B“ wird die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau auf harte Belastungsproben gestellt. Die Beiden tarieren in hartem tänzerischem Zweikampf ihre instabilen Machtpositionen aus. Sie werfen sich gegenseitig über die Schulter, sie springen sich an, sie zerren sich an ihrer Kleidung durch den Raum. Aber sie beherrschen auch die zarten Gesten. Die Frau umgarnt den Mann mit den leichten Flügelschlägen ihrer Hände und macht ihn sich gefügig. Nachdem er sie zu Boden geworfen hat, und sie wie tot liegen bleibt, haucht er ihr mit lautem Pusten wieder Lebensatem ein. In „Brother“, dem zweiten Stück an diesem Abend, bearbeitet Kim seine Beziehung zu seinem behinderten Bruder. Dazu mimt der spastisch gelähmte Darsteller Sungkuk Kang sein Gegenüber. Wie mit einer Nabelschnur sind sie durch ein langes Seil miteinander verbunden und regen sich gegenseitig zu Bewegungen an. Doch dann kappt Kim die enge Verbindung mit einer Schere und schüttet einen Sack Steine über seinem Bruder aus. Im Gegensatz zu Kim bleibt die Liebe des Bruders beständig. So kommt es zur erneuten Annäherung. Da Kim eine rote Hose und ein weißes Shirt und Kang eine weiße Hose und ein rotes Shirt trägt, werden sie bei ihren Verknotungen zu einer Einheit, bei der man die Körper wie neu zusammengesetzt erscheinen. Zwei eindrückliche und berührende Arbeiten aus Korea.
Zwillingsforschung in eigener Sache betreiben Becker und Becker. Die beiden jungen Frauen sind eineiige Zwillinge. Jahrelang gab es für sie kein Ich sondern nur ein Wir. Den anderen begriffen sie immer nur eine Variation von sich selbst, als zwei Teile eines Wesens. Sie führen parallele Leben auf zwei Seiten eines Spiegels.
Regisseurin Lola Arias stellt ihnen ein Karussell mit acht aufklappbaren Kabinetten auf die Bühne. Wenn es sich dreht, ist die Verwirrung, welche der beiden Frauen gerade spricht, komplett. Doch Esther und Anna Becker bleiben nicht nur in ihrer eigenen Biographie. Sie schlüpfen auch in die Leben anderer Zwillinge. Auf die weißen Außentüren des Karussells werden dann die entsprechenden Bilder geworfen. Unser Leben begann zum selben Zeitpunkt, also wird es auch zur gleichen Zeit enden. Wird die eine von uns Krebs bekommen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, das beide zusammen sterben werden, groß. Diese gegenseitige Abhängigkeit ist belastend: So beendet eine die Verbindung vorzeitig: Sie erscheißt ihre Schwester und setzt ihr Ich absolut. Ein informativer, spannende Aufführung, der gekonnt die Balance zwischen dokumentarischen und inszenatorischen Momenten hielt. Nie ist ganz klar, wann hier die eigene Meinung, wann eine fremde Rolle, wann die eine Schwester und wann die andere spricht. So offenbaren sich die Beckers gleichzeitig und verschwinden doch hinter der Fiktion eines universellen Zwillingspärchen.

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