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Revisiting Hur1

Revisiting Hure

The Making of „Hure“

Grenzüberschreitungen

Moralische Grenzen bezüglich der Sexualität habe sie nicht, betont Regisseurin Isabelle McEwen. Solange keinem Menschen Schaden zugefügt würden, seien ihre ethischen Grundsätze erfüllt. Dagegen ginge es ihr bei ihrem Projekt „Hure“ um Reflektion und für die könne es keine Grenze geben. Dennoch war und bleibt das Projekt und seine Weiterführung im zweiten Teil „Revisiting Hure“ ein Balanceakt. Auch hier werden Grenzen der Provokation immer wieder bewusst überschritten, um sie deutlich zu machen. Nackt und nicht bloßstellen, liebevoll hinsehend und kritisch hinterfragend, objektiv darstellend und immer wieder aufwühlend, all diese Parameter kennzeichnet McEwens Herangehensweise an das Thema der Prostitution.

Der erste Ausgangspunkt war das autobiographische Buch von Nelly Arcan. Schon im ersten Teil gab es drei ineinander verschachtelte Ebenen: die Filmaufnahmen von nackten Frauen, die persönliche Teile aus dem Buch inszenierten, die realen Schauspielerinnen auf der Bühne, die reflektierende Textpassagen in Szene setzen und die freizügigen Filmaufnahmen der Freier, die die Prostituierte besuchen. Im zweiten Teil kommt noch eine weitere dazu: Interviewerinnen auf der Bühne befragen die Regisseurin und die Hauptdarstellerin zu ihren Intentionen und Gefühlen während des Projektes. So erfährt der Zuschauer dieses Mal viel über die Entstehung des Theaterstückes, das in einzelnen Szenen aus „Hure“ zitiert wird.

Wie im ersten Teil werden die gealterten Freier, die kaum die herkömmlichen Anforderungen an Attraktivität erfüllen, mit der Schönheit und Reinheit der Frauen kontrastiert. Dabei könnte der Eindruck entstehen, dass McEwen genau dem Diktat der Gesellschaft unterliegt, die die Äußerlichkeiten des weiblichen Geschlechts in den Fokus stellt. Doch darin folgt sie nur der Betonung dieses Gedankenkonstrukts in der Textvorlage. Für Arcan sollten Frauen ab 30 eigentlich nur in einem Sauerstoffzelt die Zeit überbrücken, bis ein wirksames Verjüngungsmittel erfunden sei, oder sich ansonsten ein Laken über den Kopf ziehen.

Doch auch andere Fragestellungen werden ausgeblendet: Die Frage der Bezahlung der Sexarbeit wird nur in Andeutungen erwähnt. Doch gerade sie ist der Kern der Machtkonstellation, der das Verhältnis von Freier und Prostituierter unterliegt. Wer bezahlt, bestimmt. So zeigt McEwen ein geradezu paradiesisches Hurendasein, in dem die Freier Menschen sein können. In ihrem Projekt hat sie das ermöglicht: In einer der Interviewsequenzen erzählt sie, dass es für die Männer sehr wichtig gewesen sei, dass sie für die Akte, bei denen sie gefilmt werden, nichts bezahlen müssten. So konnte das Thema Macht in der Arbeit ohne das leidige Geld ausbalanciert werden. Für den Dienstleistungsakt selbst übergaben die Darstellerinnen ihren Part während der Drehs an McEwen: Sie selbst übernahm die Rolle der weiblichen „Kunst-Pornodarstellerin“. Ein wirklich ganzheitlicher Einsatz für ihr Regieprojekt!

Hinsehen und Hinhören sollen die Zuschauer und nicht vorschnell urteilen, das wollte McEwen erreichen. Da die Theatermittel ihr offenbar nach der ersten Inszenierung nicht zur Vermittlung dieser Botschaft ausgereicht haben, hat sie einen überaus pädagogischen Ansatz im zweiten Anlauf gewählt: Die Regisseurin gibt nun unmissverständliche Interpretationshilfen zum Verständnis ihrer Arbeit. Ein ungewöhnliches Unterfangen für eine Theaterschaffende, die sonst ihre Arbeit gerne für sich selbst sprechen lassen. Aus gegebenem Anlass schien McEwen es angebracht zur Aufklärung der vielen Missverständnisse, die es anlässlich des ersten Teiles gab, zu sorgen.

Wem die Produktion „Hure“ schon verständlich erschien, benötigt die Erklärungen in „Revisting Hure“ eigentlich nicht mehr. Nur denen, denen der erste Teil viele Fragen aber wenig Antworten gab, für die mag der zweite Teil noch erhellend wirken.
Dass die Informationen aber weitere Verstörungen nach sich ziehen, z.B. über die ungewöhnliche hohe, körperliche Einsatzbereitschaft von McEwen, könnte Teil der Reflektion über gesellschaftliche Konventionen gewesen sein, aber gleichzeitig viele neue Fragen aufwerfen. Gibt es Grenzen für Künstler - nicht bei der Reflektion, aber vielleicht in der tatsächlichen Umsetzung auf der Bühne? Braucht Theater die Echtheit der Darstellung von Handlungsweisen, um sie hinterfragen zu können, oder lebt es nicht gerade vom „Schauspiel“, um die nötige Distanz nicht zu verlieren?

Birgit Schmalmack vom 21.1.08

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