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Pornographie

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Gesellschaftsentwürfe
Der Titel verheißt Entblößung. Doch bei Simon Stephens Stück geht es nicht um nackte Haut. Es geht um Situationen, in denen Menschen gesellschaftliche Regeln brechen und damit Bedürfnisse offenbaren, die sie sonst verbergen. Sechs verschiedene Geschichte werden erzählt. Alle spielen sie in London in einer Woche des Jahres 2005. Das Live-8-Konzert, die Wahl Londons zur Olympiastadt 2012 und die Terroranschläge in Londoner U-Bahnen – alle Ereignisse treffen zeitgleich zusammen. Alle beeinflussen sie direkt oder indirekt das Leben der sechs Londoner: Die Geschäftsfrau (Monique Schwitters), die aus Rache über die Demütigung ihres Chefs einen wichtigen entlarvenden Bericht an die Konkurrenz faxt; ein verliebter Schüler (Sonja Beißwender), der seine Lehrerin misshandelt, weil sie ihn zurückweist; zwei Brüder (Daniel Wahl, Christoph Franken), die ihrem sexuellen Interesse aneinander aus Langeweile nachgehen; eine alte Frau (Angela Müthel), die sich selbst bei fremden Leuten zum Essen einlädt; ein Professor (Peter Knaak), der seine frühere Studentin (Jana Scholz) zu sexuellen Diensten nötigt, weil er ihr eine Stelle verschaffen soll und ein Selbstmordattentäter (Samuel Weiss), der kurz vor seinem Anschlag seinen schweren Rucksack durch die U-Bahnen fährt.
Zusammengeführt hat sie Regisseur Sebastian Nübling vor einem bühnenhohen Puzzlebild des Gemäldes von Brueghels „Turmbau zu Babel“. Gesellschaftskonzepte werden hier entworfen, verändert und repariert. Während der eine von seiner Geschichte innerhalb dieser Gesellschaft erzählt, puzzeln die anderen weiter. Während zum Schluss in kurzen Reminiszenzen an die 51 Opfer der Anschläge erinnert wird, zeichnet sich ein großes Loch auf dem Gemälde des Turmbaus ab. Das Gesellschaftsmodell hat die Anschläge nicht ohne Schaden überstanden. Doch das Leben der Londoner geht weiter. Frühstückstüten werden ausgepackt und Äpfel und Brote verzehrt. Es wird weiterpuzzelt werden, am Leben der Einzelnen und am großen Gesellschaftsentwurf der Zukunft.
Nübling ist eine berührende Umsetzung des Textes gelungen. Jedes Klischeebild vermeidet er geschickt. Der Attentäter ist ein britischer unauffälliger Bürger. „Niemand wollte meinen Fahrschein sehen“, wundert er sich. Stephens Stück zeigt ein Abbild der englischen Gesellschaft. Nübling haucht den Figuren mit seinen exzellenten Darstellern Leben ein und stellt die Geschichten in einen stimmigen Gesamtkontext. Die Musik des Live-8-Konzertes spielt dabei zur Erzeugung der Atmosphäre eine wichtige Rolle. Immer wieder werden Titel vielstimmig in leisen Gesang angestimmt. Eine hervorragende Arbeit, die vor fast ausverkauften Reihen im Schauspielhaus gezeigt wurde.
Birgit Schmalmack vom 22.10.07

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