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Oh sorry

Oh sorry, ich bin gerade in anderen Sphären
Spannende Wahrnehmungsstudie
Dass unsere Wahrnehmung uns nur eine bestimmte, selektive Vorstellung der Wirklichkeit präsentiert, kann man als Zuschauer an diesem Abend am eigenen Leibe erfahren. Dass sich jeder der Schöpfer seiner Realität ist, wird in der Choreographie „Oh sorry, ich bin gerade in anderen Sphären“ mit drei Tänzern und einer Fotografin auf der Bühne erlebbar. Jeder der im Sprechwerk im Zuschauerraum saß, wird wohl andere Bilder mit nach Hause nehmen als sein Nachbar.
Denn die Choreographin Helene Harmat spielte mit der Wahrnehmung auf mehren Ebenen. Sie schickte drei Tänzer auf eine Reise der Positionierung zwischen Fremdheit und Vertrautheit. Situationen, die Nähe ausdrückten, wechselten mit denen, die große Distanz zeigten. In den Konstellationen zwischen den zwei Frauen um einen Mann lag Spannung, die sich immer wieder neu entlud. Stellungsbilder markierten das immer variierende Verhältnis der Drei, das die wechselnden Differenzen und Gemeinsamkeiten markierte. Dass die Gudalupe Ramirez, Irina Vikulina und Michael Schnizler durch ihre unterschiedliche Herkunft auch optisch schon zu diesen Fragen einluden, ermöglichte auch den Aspekt der interkulturellen Positionierung. Wie gefühlsstarke Musik die Wahrnehmung einer Situation verändert, konnte beobachtet werden, wenn Barockmusik, Opernarien oder Freejazz erklangen und den professionellen Tänzern Gelegenheit zu ausdruckstarken Tanzszenen gaben.
Die Idee, dass die Fotografin Anja Beutler live auf der Bühne fotografierte und die Bilder mittels neuer Technik direkt auf die drei Leinwändee mitten zwischen den Tänzern projiziert wurden, machte die Wahrnehmungsstudie zu einem besonders erkenntnisreichen Erlebnis. So erlebte man die Tänzer stets zeitversetzt durch die Linse der Fotografin und die durch die der eigenen Augen, während schon die nächste Szene begonnen hatte.
Ein höchst spannender Abend, auf dessen Fortsetzung in zweiten und dritten Teil der Arbeit man gespannt sein darf.
Birgit Schmalmack vom 12.11.09

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