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Jugend ohne Gott

Jugend ohne Gott
Zwischen Idealismus und Pragmatismus
Gesundheit, sicheres Einkommen – all das hat der Herr Lehrer, aber die Zufriedenheit will sich nicht einstellen. Denn die Gesinnung seiner Schüler und der Eltern lässt ihn ohne Hoffnung in die Zukunft blicken. Die Schüler bespitzeln ihn, die Eltern klagen für Äußerungen wie „Auch Neger sind Menschen“ an, die Schüler verweigern den Unterricht bei ihm, der Direktor muss ihn für seine Vaterlandsverräter-Meinung tadeln.
Doch wo die Grenzziehung der Moral zu Beginn von „Jugend ohne Gott“ noch sehr einfach scheint, gerät sie im Laufe der monologischen Erzählung ins Wanken. Auch der Herr Lehrer lädt Schuld auf sich und kann sich erst spät zur Wahrheit durchringen. Erst in seinem Erkenntnisprozess über das eigene Versagen kann er bei den Schüler und Eltern auch diejenigen erkennen, die gegen den Strom der Masse schwimmen und die ihn wieder an ein Morgen glauben lassen. Dass seine eigene Zukunft aber nicht in Deutschland liegen wird, stört ihn nicht. Er, der den Spitznamen „Neger“ von seinen Schülern bekam, geht am Ende nach Afrika.
Wenn die Terminologie auch heute nicht mehr ganz political correkt ist, so scheint der Text von Ödön von Horvath unter der Regie von Axel Schneider doch höchst aktuell. Peter Brause spielt im Altonaer Theater eindrucksvoll alle Rollen gleichzeitig in dem Bühnenbild, in dem vor projizierter, idyllischer Dorfkulisse sechs Schulbänke bedrohlich über ihm schweben. Er zeigt eindringlich den Selbstzweifel, der die eigene labile Haltung zwischen Idealismus und Pragmatismus zu finden und zu begründen versucht.
Birgit Schmalmack vom 12.11.09

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