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Nackt

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Überraschungen
Peter Zadek ist immer noch für Überraschungen gut. Wenn er sich im Alter von 81 Jahren auch andere erlaubt als zu früheren Zeiten. Er muss niemandem mehr beweisen, dass er zu provozieren und aufbegehren versteht.
Nach seiner Genesung hat er sich das St.Pauli Theater auf der Reeperbahn mit seinem rotplüschigen Ambiente ausgesucht, um ein italienisches Stück des Italieners Pirandello zu inszenieren. Die Ehre eines gefallenen Mädchen bildet den Angelpunkt der Entwicklungen, die auf der Puppenstubenbühne ihren dramatischen Verlauf nehmen. Das Altbauzimmer des Schriftstellers Nota blickt mit hohen Fenstern zur gepflasterten Gasse heraus, von der lautstarkes Droschkengeklapper zu hören ist. Es ist mit Bücherregalen bis zur Decke bestückt und zunächst mit antiquarischen Möbeln detailverliebt ausgestattet. Hier hinein führt Nota (Friedrich-Karl Praetorius) das arme entehrte Mädchen Ersilia (Annett Renneberger). Von ihren Dienstherren verstoßen, von ihrem Verlobten (Nicolai Kinski) verlassen, hatte sie einen Selbstmordversuch unternommen und war im Krankenhaus gelandet. Ein Journalist hatte ihre Geschichte zu einer rührenden Story vermarktet, durch die der Autor auf sie aufmerksam wurde. Er wittert einen wunderbaren Stoff für einen neuen Roman, der als Zweinutzen vielleicht eine kleine Liebesgeschichte für den gealterten Künstler abwerfen könnte. Doch ungestört kann er sich diesen neuen Freuden nicht widmen. Nach und nach stolpern alle früheren Männer im Leben dieses Mädchen in Nota möbliertes Zimmer.
Das Stück bietet Zadek ein reiches Repertoire an Klischee besetzten Gestalten, die in Emotionen schwelgen. Zadek umgeht die Kitschfallen nicht etwa sondern platscht voller Freude und Vergnügen mitten in sie hinein. Wenn noch zusätzlich auf die Gefühlstube gedrückt werden soll, lässt er einen Barden auftreten, der mit seiner Gitarre eine italienische Schnulze zum Besten gibt. Die Darsteller bedienen sich des effektvollen Gefühlstheaters, bei dem die leisen Töne eher selten vorkommen. Es treten auf: die zupackende Wirtin (Brigitte Janner) die dralle Zugehfrau (Carla Riveros Eissmann), der unfreiwillig komische Journalist (Martin Pawlowsky), der distinguierte Konsul (Friedhelm Ptok) und der affektierte Verlobte. Zwischen den Szenen üben sich die Personen in Ringelreihen, während deren wird die Puppenstube nach und demontiert, bis eine leere Bühne übrig bleibt. Auch dieses Symbol für die zunehmende Demontage der Fassaden, die die Personen für die Gesellschaft aufgebaut haben, ist nicht gerade neu. Doch ein Zadek braucht niemandem mehr sein Talent zur Originalität zu beweisen. So darf er sich unbeschwert dem Vergnügen hingeben, in die Vollen zu gehen.
Birgit Schmalmack vom 18.4.08

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