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Nachttankstelle

Nachttankstelle
Heilig Abend unterm Esso-Dach
Die Esso-Tankstelle auf dem Kiez – ein Kulttreffpunkt für Reeperbahnbummler und –anwohner. Hier treffen Prostituierte auf Seemänner, Philosophen auf Punker, HipHopper auf Rockröhren aus dem Altersheim. Am Heiligen Abend sind sie alle in bitterkalter Nacht auf Suche nach ein wenig unkonventioneller Wärme vereint. Die finden sie unter dem Dach der Tankstelle, auf dem Franz Wittenbrink mit seiner Musikkombo sitzt und ein stimmungsvolles Medley anrichtet.
„Glücklich ist wer vergisst, was nicht zu ändern ist“, da sind sich Philosoph und Penner einig. Bei der Revolte gegen unliebsame Männer stehen die Generationen plötzlich zusammen: Punkerin und Altersheimbewohnerin werden zu „Sister“ im Geiste.
Während der seiner pingeligen Frau entschlüpfte Professor Rotweingläser auf der Zapfsäule füllt, rollt die alte Frau Luisa auf ihrem Rollator herbei. Die Punkerin lehnt auf ihrem Plätzchen unter der Säule und der gestrandete Seemann auf einer umgedrehten Astrakiste. Der junge Rapper bringt mit seinem Songs und Breaks frischen Sound von Deichkind und John Delay zwischen Titel von Bach und Prince.
Die alte Luisa bekommt zum Schluss ihren Wunsch erfüllt: Statt im Augustinum den Hirten zu spielen, darf sie auf dem Kiez die Maria spielen. So wird die Likörflasche zum Jesuskind und der Rollator zur Krippe.
Wittenbrink ist immer noch der Meister des tiefgründigen und unterhaltenden Musiktheaters. Er versteht es wie kein anderer, mit altbekannten Musikstücken ganz neue Geschichten zu erzählen. Hier im St. Pauli-Theater hat er Interpreten gefunden, die Sänger und Schauspieler zugleich sind. Auch im dritten Jahr immer noch sehenswert!
Birgit Schmalmack vom 29.12.10

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