Migrationsformate
Rubrik: Kritik
ECHT - Migrationsformate
Blumen in der Hölle
Von Birgit Schmalmack
Foto: credit to Kampnagel
„Die ein, zwei Jahre vor dem Krieg waren die besten.“ Da sind sich Branko Simic, Jons Vukoreb und Vernesa Berbo einig. Das Abitur in der Tasche, das Studium begonnen, die Gesellschaft vom Kommunismus befreit, die Parties konnten beginnen. „Da haben wir gelebt!“ Genau diese Euphorie ließ die Vorahnungen eines drohenden militärischen Konfliktes im postkommunistischen Ex-Jugoslawien in unwahrscheinliche Ferne rücken.
Wann begann der Krieg? Als es den Lippenstift Charmant Nr.17 nicht mehr zu kaufen gab, als plötzlich Freunde verschwanden, als sich die Menschen auf einmal veränderten, als es Eier nur noch auf der Straße zu kaufen gab? Vernesa beobachtete, dass in diesem Frühjahr die Blumen in der Hölle Sarajewos besonders üppig wuchsen. Ohne menschliches Zutun und ohne Nutzen, denn essen konnte man sie nicht.
Nach dem Dayton-Abkommen ist die Rückkehr in ihre Heimatorte für alle drei der Test: Bin ich verrückt geworden oder habe ich meine Flucht einigermaßen normal überstanden? Die Rückkehr nach dem Zuhause im Exil wird zur nächsten Nagelprobe: Welche Identität (er)finde ich für mich hier?
Die drei Künstler sind alle auf verschiedenen Wegen aus Sarajewo geflohen. In Hamburg haben sie sich wieder getroffen. In ihrem ersten gemeinsamen Projekt „Landschaften“ im Rahmen des Festivals „ECHT – Migrationsformate“ auf Kampnagel sind sie gleich doppelt zu sehen: einmal live aufgereiht vor der Leinwand im Hintergrund und einmal auf der Projektionsfläche im Hintergrund. Sie berichten von ihren Erinnerungen an den Krieg, die Flucht und das Exil - in der Aufzeichnung auf Serbo-Kroatisch, live simultan übersetzt auf Deutsch.
Eingeblendete grau-weiße Landschaftsaufnahmen mit leichtem Rotstich, die einem alten Fotoalbum entnommen sein könnten, spiegeln die Erinnerungslandschaften des Gedächtnisses.
Den drei gelingt es, mit minimalen Regiemitteln große Wirkung zu erzielen. Sie schaffen das ohne jeden Betroffenheitsgestus. Die drei Künstlerpersönlichkeiten rühren sich über eineinhalb Stunden nicht vom Fleck und dennoch entführen sie mit ihren Erzählungen in eine Welt, die in Hamburg 2011 ebenso unwahrscheinlich wirkt wie in Sarajewo 1990 - eine ziemlich beunruhigende Erkenntnis einer sehr interessanten Inszenierung.
Das Festival ECHT wagt einen neuen Blick auf das Thema Migration. Das Programm ist breit aufgestellt: Konzerte, Parties, Lecture-Performances, Installationen, Filme, Theater und Vorträge. Hier sind es Künstler, die die Perspektive bestimmen, und nicht Politiker, Moderatoren oder Integrationsbeauftragte.
Birgit Schmalmack vom 7.1.10
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