Michael Kohlhaas
Michael Kohlhaas
Mitte des 16.Jahrhunderts befinden wir uns. Ein mittelalterliches Gemälde auf dem durchsichtigen Bühnenvorhang lässt zwei Protagonisten des Geschehens erahnen: zwei Pferde sind zu erkennen, die im Hintergrund die Köpfe zusammen stecken, herumlaufen oder aufstampfen.
Doc dann fällt der Vorhang, die Pferde werden weggeführt und die scheinbare Idylle hat ein Ende: Strahlend weiße Wände werden von Lichtbalken angeleuchtet, die von oben noch unten fahren. Künstlich wird die Umgebung und verlassen. Denn die angesengten Monoblocks, die zuhauf herumliegen, deuten auf eine Verwüstung hin. Nur ganz hinten in der Ecke hat die Katastrophe ein Sessel plus Stehlampe überstanden. In dieser Umgebung bewegen sich die fünf Erzähler der Geschichte, die Heinrich von Kleist seinen Lesern nach einer wahren Fall erzählen wollte. Regisseurin Dünßer bleibt in ihrer Inszenierung ganz dem Prosatext verhaftet. Kein Versuch unternimmt sie, ihn in eine dramatische Form zu übertragen. Dialoge fehlen fast völlig. die Möglichkeit zu einer personale Identifikation unterbindet sie bewusst durch einen Wechsel der Darsteller, die eine Rolle sprechen. Sie verzichtet so bewusst auf eine gefühlsmäßige Identifikation mit den Personen. Sie will ihr Publikum eher durch den Kleistschen Text und seinen Erzählsog in den Bann ziehen. Dabei mutet sie dem Publikum und den Schauspielern viel Textmassen mit großem Informationsgehalt zu. Kann der Leser dieser Textpassagen getrost zurückblättern oder eine Pause einlegen, so spult sich der Text auf der Bühne unermüdlich weiter ab. Mit den hervorragenden Ensemble versucht Dünßer eine Wortoper zu erschaffen. Sie strukturiert den Text in Einzelstücke, die chorisch gesprochen und zum Schluss in einem dramatischen Höhepunkt mit Notenständern und Mikros zu einem Rap werden. Das machen die Schauspieler großartig. Und dennoch bliebt auf diese Art der Text seltsam abstrakt und weit von seinen Zuschauern entfernt. Die Aktualität seines Helden, eines frühen Terroristen, der für seine gute Sache stirbt, zeigt sie nicht. Sie vertraut darauf, dass sie in den Köpfen der Zuschauer von alleine entsteht.
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