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Gespenstersonate

Gespenstersonate
Das Haus der Gespenster
Ein Gespinst aus Baugerüsten überbaut die Plattform mit den vier Krankenhausbetten und dem gepolsterten Rollstuhl. Von ihm aus versucht der herrschsüchtige Egomane Direktor Hummel auch in seiner körperlichen Eingeschränktheit noch die Fäden seiner Mitmenschen zu ziehen. Zuerst lockt er den Studenten mit leeren Versprechungen in seine Dienste, um dann mit ihm gemeinsam in das Haus des Obersts einzudringen. Hier soll seine nächste Transaktion stattfinden. Er will damit nicht nur seinen Reichtum vermehren sondern auch alte Rechnungen begleichen. Zu den Hausbewohnern, die wie Mumien durch die Räumlichkeiten schleichen bzw. in ihren Betten verharren, existieren alte Verbindungen. Hummel hat mit der Frau des Obersts eine Nacht verbracht, aus eine Tochter hervorgegangen ist. Sie kehrte aber zum Oberst zurück, der das Kind als sein eigenes vermutet. Der Oberst verführte wiederum Hummels schöne Braut. Der Student, dessen Vater zu einem von Hummels Spekulationsopfern zählt, soll nun alte Wunden pflastern, indem er der Bräutigam der Tochter wird. Doch diese Tochter, die Hyazinten über alles liebt, ist krank. Diese Mal hat sich Hummel verrechnet; die Mutter, die 20 Jahre in einem Wandschrank ihre Verfehlungen bereute, kommt ihm unverhofft in die Quere. In einer Aufwallung ihrer letzten Kräfte macht sie die große Lebensrechnung für Hummel auf. Er muss sich geschlagen geben. Der Hauch einer Zukunft durch eine neue Verbindung zwischen der Tochter und dem Studenten verflüchtigt sich: Sie stirbt noch bevor sie der Brautwerbung zustimmen kann.
Das düstere Drama von Strindberg spielt mit tiefenpsychologischen Motiven. Die heutigen Taten von Menschen werden von ihrer Vergangenheit gesteuert. Wie an langen Fäden werden von ihren Emotionen und Sichtweisen gelenkt. Eigener Wille ist nur begrenzt zur Steuerung einsetzbar. Die Zwölftonmusik, die Riemann zur Vertonung des Stoffes einsetzt, liefert den perfekten musikalischen Ausdruck dieser deprimierenden Stimmungen. Schräge Orchestersequenzen untermalen den schlichteren ausdruckstarken Gesang, der von Zeit zu Zeit in Sprechgesang umschlägt.
Die Regiediplomantin der Theaterakademie Sabine Kuhnert verstand es aufs Beste diese Komponenten zu bebildern. Durch die drei dunklen Gestalten, die mit hochgezogenen Schultern in strengen Anzügen die ganze Zeit auf der Bühne hinter den Personen herumschleichen, wird die Angst einflößende Stimmung versinnbildlicht. Weitere stumme Personen huschen als Verkörperung der Vergangenheit durch den Bühneraum, klettern auf dem Gerüst herum und bleiben so stets in Erinnerung. Die vier weiß geschminkten Greise in den Gitterbetten verstärken den Eindruck, sich in einem Geisterhaus zu befinden und dessen Einflüssen hilflos ausgesetzt zu sein. Zum Schluss der Premiere in der Opera Stabile gab es donnernden Applaus für das Ensemble, das Kammerorchester unter Leitung von Christoph Stöcker und das Regieteam.

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