hamburgtheater

...............Kritiken für Hamburg seit 2000

Mamma Mede1

Mamma Medea
Alltägliche Entfremdung
Schlammbedecktes schwarzes Gummituch bespannt die Rückseite und den Fußboden der Insel Kolchis. Mit bunten Käppis auf dem Kopf landen hier drei Griechen mit dem Auftrag das goldene Vlies nach Griechenland zu bringen. Von ihrem Anführer, Jason (Alexander Simon) ist die Tochter des Herrschers, Medea (Leila Abdullah), sogleich angetan. Ihm will sie helfen seine Aufgabe zu erfüllen, auch wenn ihr Vater die Bedingungen unerreichbar hoch angelegt hat. Ohne Rücksicht auf ihre bisherigen Bindungen und Versprechungen nutzt sie ihre Zauberkräfte und flieht nach vollbrachter Tat mit Jason. Sogar der eigene Bruder wird auf der Flucht ermordet. Es bleibt nicht die letzte blutige Tat, die das Paar auf ihrem gemeinsamen Weg begeht: Auf der Insel Jolkos ermorden sie den König um an Macht zu kommen. Der Plan misslingt und sie müssen erneut fliehen. In Korinth schließlich bietet sich Jason unerwartet eine neue Möglichkeit zu Ruhm und Reichtum zu kommen: Die junge und schöne Tochter des Königs, Kreusa, interessiert sich für ihn. Ein Angebot, für das er gerne seine in die Jahre gekommene Ehefrau austauschen will.
Von Reichtum ist ihre kleine Familie mit den zwei Söhnen tatsächlich weit entfernt. Sie hausen in einem kleinen Wohnwagen. Medea, die einst geachtete Königstochter schlurft in Jogginghose und mit strähnigen Haaren durch den Wagen. Als Jason ihr die Neuigkeiten über seinen Aufstieg nahe bringen will, kennen ihre Vorwürfe, ihre Wut und ihre Anklagen kein Ende mehr. Nichts gab es, was Medea nicht für Jason aufgegeben und getan hätte, und er erdreistest sich sie einfach gegen eine Jüngere auszutauschen. Das bestätigt Jason nur in seiner schon getroffenen Entscheidung: Mit dieser verbitterten keifenden Furie hat er nichts mehr gemeinsam. Das ist nicht mehr die mutige, kluge Medea, die er einst bewundert und begehrt hat. Eine Zukunft kann er für ihre Beziehung nicht mehr erkennen.
Tom Lamoye zeigt in seiner Fassung der Medea die ganze Entwicklung ihrer Beziehung zu Jason. Er stellt die „bararischen“ Kolcher als gewählt in Versen sprechende Kulturbürger den Griechen gegenüber, die in lockerer Alltagssprache reden. Der Racheplan Medeas entwickelt sich bei Lamoye zum Schluss anders als bei Euripides: Nachdem Medea zunächst den Tod von Kreusa und ihren Vater arrangiert hat, tötet sie nur den Erstgeborenen, der zweite wird von Jason selbst erschossen. Zum Schluss sitzen beide Seite an Seite vor ihrem Wohnwagen. Wieder einmal vereint in einer gemeinsamen blutigen Tat.
Jorinde Dröse folgt in ihrer Inszenierung im Thalia in der Gaußstraße stringent dem Text von Lamoye. Die Phasen einer Liebesbeziehung vom Verlieben, dem leidenschaftlichen Begehren, der alltäglichen Gewöhnung, der stetigen Ernüchterung und Entfremdung bis zur Trennung, die zu einem blutigen Rachefeldzug führt, wird hier zu einem nachfühlbaren Entwicklung, die sich auch in einer heutigen Hochhaussiedlung abgespielt haben könnte.
Birgit Schmalmack vom 23.1.09

hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000