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Kritische Masse

Kritische Masse
Kopf oder Zahl?
Sind wir nur Nummern oder Individuen? Sind wir Kopf oder Zahl? Das fragen sich die Menschen, die sich in einer Schlange vor dem geschlossenen Arbeitsamt aufgereiht haben. Wie in der Geschlossenen fühlen sie sich, nur dass sie anstatt raus nicht rein kommen.
Da steht die biedere Mutter (Hedi Kriegskotte) mit dem schmalbrüstigen Sohn. Da kommt die ausschließlich an Männern interessierte Schwester mit dem Bruder, der zumindest als öffentliches Ärgernis von sich reden macht. Da steht die Schrebergärtnerin neben der angejahrten, aber dennoch hoffnungsvollen Mini-Jobberin. Da wartet der Möchtegern-Dramatiker (Jörg Knebel) neben seinem stotternden Freund (Daniel Wahl). Da rauscht der in Konkurs gegangene Kneipier (Samuel Weiss) nebst russischer Blondinen-Freundin heran. Da stellt sich der Aussteiger-Parka-Träger (Michael Prelle)hinter die Babywagen schaukelnde, qualmende Mutter (Jana Schulz).
Zeit für die arbeitslos gewordene Ex-Ethik-Professorin (Marlen Dieckhoff) ihre soziologischen Theorien über die Auswirkungen des Kapitalismus auf die Gesellschaft darzulegen. Als sie endlich ihren Koffer öffnet, der angeblich Angebote für die hier versammelten Zerrissenen und Heimatlosen enthalten soll, purzeln Tupperdosen zu Boden. Der Heimeligkeit von Kindheit und Tradition dient nur noch zur Vermarktung.
Allenthalben wird sich in der Schlange über das fehlende Interesse an den Problemen der vom Kapitalismus Aussortierten beklagt. Doch was braucht eine Menge von Menschen, um zu einer kritischen Masse zu werden? Und welche Möglichkeiten hat sie dann? Hungerstreik, Lichterkette, Geiselnahme, Offener Brief oder doch die vierte Gewalt, die Bildzeitung, einschalten? Doch darf man sich überhaupt zu eng mit den Leidensgenossen vor dem Arbeitsamt einlassen? Könnte die Loserei sich nicht wie eine ansteckende Krankheit verbreiten? Also entschließt man sich des Deutschen liebste Ablenkungsmanöver anzuwenden: Animiert von Diskomucke und abgründigsten Witzen wird gesoffen und gegrillt, was die Konkursmasse des Ex-Kneipiers hergibt.
Die Mutti Jessica Vivienne und der Parka-Träger Miersch erproben nebenbei die Möglichkeiten des kleinen nagelneuen Glücks zu zweit. Ab 9.51 sind sie ein Paar der härtesten Sorte mit Mohnkuchen zum Geburtstag und Wochenmarkt am Dienstag und Samstag. Doch nach der Grillfeier ist das kurze Glück schon wieder beendet: Jessica Vivienne erdrückt ihr Baby im Schlaf.
Der Autor Oliver Bukowski wollte mit einem revolutionären Akt enden: Die Hartz-IV-Empfänger sollten Brandsätze ins Publikum schleudern. Für Regisseur Sebastian Nübling reicht dagegen deren gemeinsame Energie nur für einen schwachbrüstigen, kurzen, verzweifelten Schrei.
Birgit Schmalmack vom 8.7.09

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