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Körber Junge Regie-2011-3

Körber Junge Regie 2011 – Thalia in der Gaußstraße
Der Sieger kommt aus Hamburg
Man kann zufrieden sein mit der diesjährigen Ausgabe des Körber Junge Regie Festivals: 13 unterschiedliche Inszenierungen von jungen Regisseuren, Publikumsgespräche, Diskussionen und jungjournalistische Begleitung durch die tägliche, festivaleigene Zeitung. All das machte auch 2011 zu einem gelungenen, randvoll gefüllten, anregungsreichen Theatertreffen in der Gaußstraße.

Einige Szenensplitter:
Record of time - Gießen
Aus Gießen kam die Performance von Lea Letzel und Alexander-Maximillian Giesche. Sie untersuchte mit ausgefeilten Medieneinsatz der Frage des Verstreichens von Zeit und dem Verhältnis von Realem und Virtuellem nach. In einem Wohnzimmer räumten zwei Menschen immer wieder Gegenstände von einer Ecke in die andere, scheinbar ziellos und zwecklos. Ihr projiziertes Doppel, das ihre Aktivitäten zeitversetzt vervielfachte, sorgte für kuriose Effekte, die gleichzeitig zum Nachdenken über die Absurdität des Alltags in einer medialen Welt anregte.

Parzival - Salzburg
Salzburg schickte die Inszenierung von Laura Steinhöfel. In dreifacher Ausfertigung gab es die Hauptperson, die sich auf die Suche nach dem Gral machte. Der Wald hat hier jedes Romantische verloren. Karge Holzsäulen markieren die blattlosen schwarzen Bäume. Übrig bleibt eine öde, rutschige Fläche, auf der Parcival ins Trudeln gerät. Ein Percussionist treibt die Glückssucher an. Viele interessante Inszenierungsansätze mit Längen, deren Zusammenhang ebenso locker blieben wie die Szenenfolge, die Steinhöfel nach Tankred Dorst ausgewählt hat.
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Schlafes Bruder - Frankfurt
Ein Gebirge aus Lautsprechern, die so eng zusammen stehen, dass ebenso wenig Entfaltungsraum für den Menschen bleibt wie in dem österreichischen Dorf, das Robert Schneider in seinem Roman „Schlafes Bruder“ schildert. Auf eine atemlose, erregende Suche nach dem Abwesenden macht sich das Geschwisterpaar Peter und Elsbeth. Das Publikum machen sie zum Schiedsrichter ihrer beider Wahrheiten über ihren Cousin Elias. Dieser ist ein musikalisches Genie. Während Elsbeth ihn grenzenlos bewundert und dieser sich in sie verliebt hat, giert Peter seinerseits eifersüchtig nach dessen Freundschaft. Der unverständliche und dennoch bewundernswerte Ausnahmekünstler wird zum Sehnsuchtssymbol des Unerreichbaren. Sie hetzen sich über die Lautsprecherberge. Die Orgel wird stumm bleiben, Elias wird nicht kommen an diesem Abend. Regisseurin Laura Linnenbaum zeigte hochspannendes Sprach-Theater mit zwei wunderbaren Schauspielern (Henriette Blumenau, Johannes Kühn).

Der Tod und das Mädchen - München
Paulina will Schuberts Lied endlich zu Ende singen. Zögerlich beginnt sie, doch die Geräusche aus den Lautsprechergebirge hinter ihr entfachen ein infernalisches Störgewitter aus Erinnerungen. Denn für Paulina bestehen sie nur aus Tönen. Ihr waren die Augen während ihrer Folter zurzeit der Militärdiktatur verbunden. Als ihr Folterer eines Tages nichtsahnend zur Tür hereinspaziert, will Paulina ihm zusammen mit ihrem Ehemann den Prozess machen. Regisseur Till Wyler von Ballmoos inszeniert das Stück nach Ariel Dorfman als „Wiederhall“ von Paulinas Erinnerungen, wie der Untertitel verrät. Wer die Geschichte kannte, konnte mehr von seinen zahlreichen Untertönen identifizieren. Die Party, die zum Schluss anlässlich des Geständnisses des Folterers gefeiert wird, sollte die Fallhöhe der drei Beteiligten erhöhen. Ein Trick, den dieses Stück und diese Inszenierung nicht nötig hatte.

In euren Augen – Wien
Verspielt arrangiert Jens Blum die eigenen Szenen über den Blick des Künstlers. Zwischen den aufgehängten Altgardinen werden die drei Schauspieler sind mal zur Prostituierten, alten Dame, Möchtegernkünstler Museumsdozentin oder zum resignierten Ehepaar. Die Aufführung erinnerte zeitweise eher an eine liebevoll dekorierte Schultheateraufführung als eine Hochschulinszenierung.



Dreileben – Hamburg

Ein Seufzen, ein Hauchen, ein Lachen, ein Husten, ein Rauchen, ein Kratzen. Alltagsgeräusche bilden den Soundteppich für die Begegnung dreier junger Leute mit dem Thema Sterben.

Gernot Grünewald zeigt in den übergroßen verschiebbaren Diarahmen keine Bilder von Tod, Altern und Sterben. Stattdessen rahmen sie die Gesichter und Bewegungen der jungen Schauspieler, die die Geschichten der Sterbenden erzählen. Grelles Neonlicht, das gnadenlos die Fakten offenlegt, wechselt mit Überblendungen der Projektionen. Immer wenn sie für kurze Zeit aus der Geschichte aussteigen und von ihren eigenen Gedanken und Emotionen zum Thema berichten, wird der Abend richtig intensiv: Wie stell ich mir den Tod vor? Wovor habe ich Angst? Was kennzeichnet das Alter?

Grünewald will die Lebensgeschichten ganz für sich sprechen lassen. Ein Bassist, eine Webcam und ein Sampler sind die einzigen weiteren Zutaten auf der Bühne. Sehr schlicht kommt seine Diplominszenierung daher. Seine Regieleistung steht bescheiden hinter den Lebensleistungen der Sterbenden zurück. Grünewald ist ein würdiger Preisträger des heutigen Körber-Festivals - wenn auch eher für die Gesamtheit und Unterschiedlichkeit seiner bisherigen Regiearbeiten als für die aktuell in der Gaußstraße gezeigte.





Medea – Essen
Drei Frauen suchen Medea, so könnte man diese Annäherung von Karl Philipp Fromberger mit seinen drei Schauspielerinnen überschreiben. Mit Hilfe des Textes von Euripides versuchen sie diese rätselhafte Frau zu verstehen, die ihre eigenen Kinder ermordet, als ihr Mann sie verlässt. Sie schlüpfen wechselweise in die Rollen des Textes. Nur drei Stühle in dem leeren Bühnenraum stehen den schwarz gekleideten Frauen zur Verfügung. Hochkonzentriert wird daraus eine Sprachoper, die durch ständige Brüche fasziniert und interessiert. Immer wieder steigen die Schauspielerinnen aus ihrer Rolle aus und kommentieren die Medea aus heutiger Sicht. Ein bedrohlich anschwellender Ton steigert sich bis zum blutigen Ende. Fromberger verweigert durch seinen kargen Inszenierungsansatz die Flucht in die Dramatik der Geschehnisse und konzentriert sich ganz auf die psychologische Ebene. Eine stringente, außergewöhnliche Arbeit, die großes Talent zeigt.

Mädchen in Rüstung – Hildesheim
Drei Frauen in Partykleidchen schnalzen, zirpen, locken, säuseln in einer Reihe vor dem Publikum. Verführerisch ziehen sie die Zuschauer in die Geschichte Johanna von Orleans hinein. Die Nachricht der Besetzung Frankreichs lässt die junge Frau all ihre Weiblichkeit hintan stellen und sich in die Rolle einer tapferen Soldatenführerin zum Wohle ihres Landes schlüpfen. Die Partykleidchen werden nass, zerknittert, die Frisuren rutschen, die hochhackigen Schuhe abgestreift. Die drei Darstellerinnen versuchen sich in die Lage der Johanna hineinzuversetzen. Sie erzählen die Episoden, die von Johannas Feldzügen, Siegen und Niederlage berichtet wurden. Lücken füllen sie mit eigener Fantasie auf. Die große leere Bühne füllen die drei Frauen, der männliche Musiker mit ihrer großen Präsenz und Energie aus. Das Regieteam Hannah Fissenebert (auch eine deund Peer Ziegler zeigt eine spannende Recherche auf den Spuren einer ungewöhnlichen Frau bis zu ihrem bitteren Ende auf dem Scheiterhaufen.

Schuld und Sühne – München
Raskolnikow will die Leiter der Erkenntnis erklimmen. Er will ein besonderer Mensch werden. Unter seinem Teppich holt er ein Beil heraus. Damit wird er die Pfandleiherin erschlagen. Denn sie hält er für eine Laus und sich selbst für einen besonderen Menschen, dem das Recht zu so einem Mord zustünde. Raskolnikow zeigt die Zerrissenheit der talentierten aber armen Juristen mit dem zerrissenen Hemd. Als er auf die Prostituierte trifft, schenkt er ihr sofort das erbeutete Geld. Fortan hat er jemanden, der fest an seine Güte glaubt. Hoch über R. turnt der Kommissar katzengleich mit schwarzen Catsuit und umgeschnallten Revolver auf den Höhen der Leitern herum. Sie wird ihn überführen. Eine rasante Übertragung des Romans auf die Bühne ist dem Regisseur Frederik Tiden gelungen. Der Sinn der Projektionen des Weltalls auf die Rückwand erschließen sich zwar nicht ganz, produzieren aber schöne Bilder.

Vor der Sintflut –Berlin
Ein Laufender und sprechender Pringlespappkarton verkündet Haon die frohe Botschaft, dass er eine Yacht gewonnen hätte, mit dem er wie einst Noah die Welt bei der anstehenden Sintflut retten könnte. Viele absurde Situationen, in denen immer weitere Pappkartons maßgebliche Rollen übernehmen, später hat Haon seine Rolle als Weltenretter so verinnerlicht, dass er sie annehmen kann und all sein Geld für den Gorilla Artur, sein erstes Tier, ausgeben hat. Auf Haons Schiff, das sich als kleines gebrauchtes Motorboot herausstellt, wollen plötzlich auch alle Skeptiker mitfahren. Ein dickes Tau fängt sie alle beim Rangeln um die raren Plätze ein. Viel Spielfreude, Witz und Ideenreichtum zeichnet die Arbeit des
Regieteams David Czesienski und Robert Hartmann aus. Schade nur, dass die Pappkartonidee die Bewegungsfreiheit der energiegeladenen Darsteller so einschränkte.

Der Gewinner des diesjährigen Festivals wurde in einem öffentlichen Jurydiskussion Publikum ermittelt. Fünf von ihnen vorgeschlagene Produktionen wurden gelobt und kritisiert. In einer geheimen Abstimmung bekam Gernot Grünewald mit Dreileben drei der fünf Stimmen. Den Ausschlag gab die Relevanz des oft verdrängten Themas Tod und die sparsame aber sorgsam ausgewählte Regiemittel. Auch die kluge Projektplanung des Regisseurs im Vorwege wurde lobend erwähnt.
Birgit Schmalmack vom 3.4.11



























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