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Josephs Legende

Josephs Legende/Verklungene Feste
Perfekte Schönheit

Joseph (Alexandre Riabko) ist ein Wanderer zwischen den Welten. Ein Engel bringt den schönen, jungen Mann an Potiphars (Amilcar Moret Gonzalez) Hof mitten in eine Partygesellschaft, die sich über die Abwechselung in ihren Reihen freut. Joseph beginnt zu tanzen. Potiphars Frau (Kusha Alexi), die sich bisher auf dem Fest gelangweilt hat, ist fasziniert. Als alle übrigen ins Bett gegangen sind, trifft sie den Mann, der ihre lang verborgen gehaltene Sinneslust gereizt hat. Es beginnt ein zunächst neugieriges, dann erotisches Spiel zwischen ihnen. Erst der Ehemann Potiphar bereitet dem Tete a Tete der Beiden ein jähes Ende. Er will ihn bestrafen, doch seine Frau stellt sich schützend vor ihn. Sie hofft auf eine gemeinsame Flucht, aber der Engel kommt zurück und nimmt Joseph mit sich fort. Die Frau bleibt einsam zurück.
Neumeier zeigt zur Eröffnung der diesjährigen Balletttage eine Neufassung seines Balletts »Josephs Legende«, basierend auf einem Libretto von Harry Graf Kessler und Hugo von Hofmannsthal, zu dem Richard Strauss die Musik schrieb. Alexi tanzt die Frau voll natürlicher, bislang unterdrückter Lebenslust. Ihre wilde, expressive Haltung steht im Kontrast zu Riabko schwebender Leichtigkeit und Gonzalez männlicher Stärke.
Während im ersten Ballett die Geschichte um die drei Hauptpersonen im Vordergrund stand, kommt das zweite ganz ohne einen Handlungsstrang aus und besteht aus fünf Soloduos und 14 Gruppentänzern.
Es ist eine neue Choreografie zu »Verklungene Feste«, die auf Strauss' Tanzvisionen basieren. Dabei handelt es sich um Klavierstücke von François Couperin, die 1940/41 für ein Orchester bearbeitet wurden.
Es ist der Vorabend eines heranziehenden Krieges. Gerade noch hat man und frau miteinander gefeiert. Doch die Teller sind leer gegessen und die Gläser ausgetrunken. Eine Frau kriecht unter der weiß eingedeckten Tafel hervor. In ihren zaghaften Bewegungen liegt schon die Vorahnung von dem, was kommen wird. Doch noch trotzt die Lebenslust der Menschen über ihre Angst. Als wolle man gegen die bösen Ahnungen antanzen, feiern die Paare immer wieder in ausgelassenen Tanzszenen das (Noch-) Lebendigsein. In ihnen schwingt stets neben der Verzweiflung auch ein Fünkchen Hoffnung mit. Doch die Entwicklungen lassen sich nicht aufhalten. Im Verlauf des Abends tauschen die Männer ihre schwarzen Anzugjacken gegen graue Uniformen. Zum Schluss sind die goldenen Wände des Festsaales zu steinernen Brandmauern geworden, vor denen sich die Männer und Frauen aufreihen.
Albert Kriemler, Chef des luxuriösen Schweizer Modelabels Akris, schuf die einmalig schönen Kleider. Die Damen tragen im ersten Ballett schlicht und effektvoll geschnittene Abendkleider aus fließenden, changierenden Stoffen. Im zweiten lassen sich ihre Trägerkleider aus Jerseystoff in verschiedenen Rottönen so stretchen, dass sie wie kleine Boote aussehen, auf denen die Frauen am liebsten fortsegeln möchten. Diese besondere Wertschätzung des Designs ist auch den Choreographien anzumerken. Den hohen Anspruch an die Schönheit der Körper und der Bewegungen, die stilvolle Ästhetik und die Harmonie des Ausdrucks erfüllen beide Arbeiten in jeder Hinsicht. Neumeier ist ein Könner der bis in Letzte ausgefeilten Choreographien. Große Gefühle in technischer Perfektion tänzerisch auf die Bühne zu bringen, gelingt ihm mit seiner großen Erfahrung der 34 Jahre in Hamburg hervorragend. Fast ist man versucht, sich ein wenig mehr Notwendigkeit zum Experiment und zum Unfertigen zu wünschen.
Birgit Schmalmack vom 7.7.08

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