Jedermann
Jedermann
„Haben die Pfeffersäcke noch nicht genug gestohlen, müssen sie auch noch den Teufel wieder holen?“ beschwert sich der feuerspuckende Bösewicht (Erik Schäffler), als er von einem Fleetenkieker aus der Elbe gefischt wird. Die Hansestadt Hamburg, die für ihn hinter ihrer Schönheit nur ihre Geldgier verbirgt, liebt er nämlich nicht besonders. Die Schmach von Teufelsbrück zehrt immer noch an ihm. Doch als der Tod (Wolfgang Hartmann) ihm berichtet, dass er den Hamburger Kaufmann Jedermann (Robin Brosch) holen will, erwacht seine Jagdlust. Er trotzt ihm ein Versprechen ab: Er wird die Seele des Jedermann bekommen.
„Jedermann, jeder Zeit, jeder Art, wenn es sich lohnt“ ist das Lebensmotto des erfolgreichen Managers, das er zum Besten gibt, nachdem er im BMW mit eleganter Freundin angerauscht ist. Der gewitzte Teufel weiß seine Stunde zu nutzen. Er erschleicht sich vom schnieken Jedermann dessen Seele, indem er ihm als Gegengabe die gesamte Speicherstadt zusichert. Beide glauben ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Der skrupellose Jedermann, weil er so etwas wie „Seele“ nur für einen antiquierten Begriff aus einem Wörterbuch für Pleiten hält, und der Teufel, weil er sich einen Leckerbissen verspricht. Doch nicht nur der gewiefte, bisher stets erfolgreiche Jedermann muss einsehen, dass er als dem Tod Geweihter dringend eine Seele benötigt hätte. Auch der Teufel hat ein Nachsehen, weil er erkennen muss, dass ein Mensch wie Jedermann keine Seele besitzt. Sein grenzenloser Geltungsdrang und Machtstreben haben keinen Platz für Gefühle, Wünsche, Menschlichkeit und Moral gelassen.
Auch im dreizehnten Jahr hat der Hamburger Jedermann in der Regie von Michael Batz nichts an Charme und Aktualität eingebüsst. Gerade die Erbauung der Hafencity direkt hinter dem Spielort zwischen den alten Kontorhäusern lässt die von Jedermann anvisierte Verjüngung des alten Backsteins durch Chrom und Glas kein bisschen übertrieben wirken. Der diesjährige Hauptdarsteller Robin Brosch ist ein smarter Jedermann, dem man seine Erfolgsverwöhnheit sofort glaubt. Mit dem bewährten Erik Schäffler als Teufel hat er ein perfektes Gegenüber, das mit seiner charmanten Verschlagenheit der Aufführung besondere Persönlichkeit verleiht.
Birgit Schmalmack vom 11.7.06
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