Ich weiß gar nicht wie das gehen soll
Ich weiß gar nicht wie das gehen soll – sich vereinigen
Bitte kommen sie herein. Stopp. Wenn der Vorhang sich öffnet, machen Sie nicht den Fehler der Ostdeutschen und stürmen nicht gleich auf die andere Seite, sondern hören Sie auf die äußere Stimme.
Die erste Mauer ist überwunden, die Zuschauer sitzen in ihren Reihen, da wickelt sich der Ostdeutsche Stefan Kolosko aus dem Vorhang. Der Dauer- und Vielquatscher philosophiert über die Schönheit und Notwendigkeit einer leeren Bühne als Sinnbild für ein Stück Theater über „nichts“
. Das tut er wort- und gestenreich. Wenn Antje Pfundtner mit ihrem Stelzengang leichtfüßig über die Bühne wandelt, setzt sie andere Spuren. Trotz des Bildes von Kolosko, dass Text und Tanz sich nie berühren dürften, wie die beiden unterschiedlich geladenen Pole in einem Wasserkocher, um für Spannung zu sorgen, Berühren werden sie sich nie an diesem Abend. Auch mit dem zweiten Tänzer Philipp van der Heyden wird es zu keine Berührungen kommen. Tanz könnte die Spracharmut des Theaters mit Bewegungen ausfüllen, behauptet Pfundtner. Dennoch nutzt sie beide Kommunikationswege: Elfengleich hüpft sie in ihrem Hängerkleidchen über die leere Bühne, während sie Entscheidungsfragen stellt: Hoch oder tief, Ost oder West, Frau oder Mann, laut oder leise? Auf die die beiden Männer als Menuett, das sie mal zu und meist auseinander bringt, vollführen. Pfundtner möchte sich mit dem Stoff beschäftigen. Die Methapher wird solgeich handgreiflich: Ihr Spitzenponcho wird drapiert, zum Verstecken benutzt, zur Verzierung, zur Betrachtung, während sie über Trennendes berichtet.
Van der Heyden hält sich dezent im Hintergrund. Die beiden Männer überlassen der charmant, unschuldig lächelnden Pfundtner das Argumentsfeld. Auf etwas Gemeinsames könne sie sich kaum einigen. Vielleicht dass der Vorhang rot ist, aber was die rote Farbe bedeutet, differiert: Für Pfundtner erinnert sie an Blut, für Kolosko an den Kommunismus.
Nach sechzig erinnert Antje an dem Vorhang als Zeichen für das Ende des Stückes. Doch der Vorhang wird aufgezogen und alle bleiben sitzen. Dann beginnen die Drei zu klatschen: Antje konsequent in einem anderen Rhythmus als die beiden Männer. Ist das jetzt das Zeichen des erreichten Endes? Doch die drei lassen sich nicht vom einsetzenden Beifall der Zuschauer beirren. Hier werdeen die Vorzeichen umgekehrt, die Zeichen dekodiert und neu verwendet. Mühsam klappt die Kommunikation, wenn man sich auf sich mehr einigen kann, jeder eine andere Sozialisation erfahren hat.
Eine Generation von Menschen, die selber noch die zwei unterschiedlichen Systeme selbst erlebt hat, steeht hier auf der Bühne und fragt sich nach der Möglichkeit zur Begegnung. Gedankenbrikett soll versenkt werden. Wenig Gemeinsamkeiten sind geortet worden entdeckt worden.
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