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...............Kritiken für Hamburg seit 2000

Hure

Getriebene
Ein roter Anthurienstrauß steht in der strahlend sauberen Glasvase. Um ihn herum stolziert eine schöne Frau in schwarzer Spitzenunterwäsche und hochhackigen Schuhe. So künstlich schön und vergänglich wie die Treibhausblumen sind auch die Frauen, die die Performance „Hure“ der Kanadierin Isabelle McEwen in den Mittelpunkt stellt. Sie beweist mit ihrer Inszenierung nach dem Roman von Nelly Arcan Mut. Mit ihr setzt sich auf viele Stühle oder auch mitten zwischen sie, je nach Perspektive.
Das gerade in Hamburg immer aktuelle Thema der Prostitution geht sie ganz offensiv an. Der nackte Körper wird für sie zur Projektionsfläche der Begierden und Begehrlichkeiten, vor deren offener Darstellung sie keinesfalls zurückschreckt. Allerdings in filmischer Form mit zwei großen Leinwänden und drei Bildschirmen, die auf der Bühne des Sprechwerks verteilt sind. Dazwischen agieren vier leibhaftige Schauspielerinnen. Sie wechseln sich mit ihren Gedanken, Erfahrungen und Erkenntnissen zum Thema mit denen per Videoeinspielung ab. Alle sind sie eine mögliche Verkörperung der Hauptfigur des Romans von Arcan, die ihren Werdegang vom wohlbehüteten Landei, Einzelkind und Papatochter zur städtischen Edel-Hure schildert.
Während die filmischen Einspielungen die nackten Tatsachen eines Prostituiertenalltags in artifiziellen, weißen, kahlen Räumen zeigen, weisen die Live-Darstellungen eher auf die hintergründigeren Ebenen. Sie denken nach über die frühe Einstimmung kleiner Mädchen auf die Anerkennung durch das männliche Geschlecht. Sie analysieren den Zusammenhang von Schönheitswahn, Jugendkult und der Panik vor dem Altwerden und dem Verlust der Schönheit. Es geht ihnen um die Weiblichkeit, die nur im Vergleich mit dem Mann und mit den anderen Frauen entsteht und durch die Bewertung der anderen erst einen Wert bekommt.
Doch auch die Lust der Freier wird in den Blick genommen. Ihre Bedürftigkeit offenbaren sie ungeschminkt. Neben den schönen, jungen Frauen wirken auch sie wie Getriebene.
So wird die Berufswahl der Hure als eine auf die Spitze getriebenen Sucht, im Akkord begehrt zu werden, interpretiert. Jeder Freier wird zum Beweis der eigenen Reize, die ihn zur Geilheit treiben. Diese Hure ist kein Opfer ihrer Freier oder gar eines Zuhälters sondern der auf Äußerlichkeiten getrimmten Gesellschaft. Eine gewagte und interessante These, die theatralisch professionell umgesetzt wurde.
Ein Glücksgriff der Regisseurin ist die Zusammenarbeit mit der Musikerin Catharina Boutari, die mit ihren herben Songs zu E-Gitarre und Synthesizer die sentimentalen, aggressiven und depressiven Stimmungen im Laufe des Abends perfekt einfängt und unterstreicht.
Die letzte Einstellung fasst eine Kernaussage in einem Bild zusammen: Eine nackte Frau sitzt entspannt auf einem Hocker, sich ganz ihrer ästhetischen Erscheinung bewusst. Langsam wechselt die Kamera die Perspektive und zeigt nun den Kameramann, für den die Schöne ihre Reize hier in Pose setzt: Ihre Weiblichkeit erhält erst durch die Betrachtung des Mannes ihren Wert.
Ein höchst spannender Theaterabend, der herausfordert.
Birgit Schmalmack vom 11.8.06

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