Auszeit
Auszeit
Die Schlacht mit dem Text
Die grünen Hinweisschilder, die im ganzen Bühnenraum verteilt sind, führen den Hasen immer im Kreis herumgeführt. Doch wer ist hier der Gejagte, wer der Jäger? Das fragt sich auch Herakles, der sich aufmachte um in die Schlacht gegen die Hydra zu ziehen. Das Tier ist der Wald, ist schließlich seine Erkenntnis. Und wer ist heute der Feind: Das System, die Gesellschaft oder der Mensch selbst? Regisseurin Franziska Henschel will Heiner Müllers Prosatext „Herakles 2 oder die Hydra“ mit Schauspiel, Tanz und Musik auf die Spur kommen. Die Schauspielerin Iris Minich, die den sprachlichen Anteil übernimmt, intoniert den Text unter vollem Körpereinsatz in so vielen unterschiedlichen Tonlagen, dass die beiden anderen Mitwirkenden neben ihr in den Hintergrund geraten. Erst zum Ende entwickelt sich zaghaft ein Miteinander der Drei auf der Bühne. Beeindruckend ist die Szene, in der der ausdrucksstarke Tänzer Philipp van der Heijden mit Minich minutenlang zum Rhythmus des Schlagzeugers Sebastian Deufel am Boden ringt, bis sie schließlich beide ermattet aufgeben. Henschels choreographierte Texterkundung, die Oberfläche und Tiefgang zu verbinden versuchte, hatte interessante Aspekte, blieb aber größtenteils im experimentellen Ansatz stecken. Minich ist es zu verdanken, dass dennoch die Spannung über weite Strecken erhalten blieb.
Fünf Reihen alter Theatersessel sind zu einem ansteigenden Aussichtshügel aufgetürmt. Sie boten einst die perfekte Aussicht auf die Zurschaustellung der „Gerechtigkeit“. „In der Strafkolonie“ hatte der einstige Kommandant zusammen mit seinem Offizier dafür eine Apparatur entwickelt. Diese graviert auf dem Körper des Verurteilten das Gesetz, das dieser übertreten hatte, solange ein, bis dieser nach langem Martyrium stirbt. Der Offizier hat sein Leben will der Weiterführung dieses Erbes widmen. Ein Forscher kommt auf die Insel und erhält die Ehre an dieser Zeremonie teilnehmen zu dürfen. Was soll er machen? Soll er Einspruch erheben angesichts dieser barbarischen Zustände oder sich auf seine beobachtende Position zurückziehen, die keine Urteile fällen darf?
Spannend bis zum letzten Moment inszeniert Alexander Riemenschneider die Erzählung von Franz Kafka. Mit verteilten Rollen spielen die vier Darsteller vor und auf den roten Sesselreihen die Geschichte nach, unterstützt nur von bedrohlich anschwellenden oder harmonisierend dahinplätschernder Musik. Der Apparat, den sie betrachten, ist das Publikum. Eine Logik, die nach aktuellen Ereignissen wie Guantanamo bezwingenden ist.
Birgit Schmalmack vom 30.4.08
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