Hikikomori
Hikikomori
Für seine Zufallsbekanntschaft im Chatroom „Rosebud“ ist „H.“ ein Rebell unserer Tage. Verweigert er sich doch dem Erfolgsdruck unserer Leistungsgesellschaft völlig, indem er sich mit seinem PC in seine vier Wände zurückzieht und nur über Chatten noch den Kontakt zur Welt aufnimmt. Seiner Mutter verweigert er jede Reaktion auf ihre Vorwürfe durch die geschlossene Tür, in denen sie ihn zu einem „Du musst ein guter Sohn sein, du musst eine Frau suchen, du musst einen Beruf ausüben“ überreden will. Doch H. bleibt mit seinen versifften Matratzen, seinem Apfelmus und seinen Powerdrinks in seinem selbst gewählten Gefängnis. Hier wisse er wenigstens wo oben und unten ist, verrät er Rosebud. Diese erkennt in ihn ihren Helden. Sie will ihn treffen. Doch H. ist kein Held, er fürchtet sich so vor der Begegnung mit einem realen Menschen, dass er flüchtet, bevor sie eintrifft.
Hikikomori ist die Bezeichnung für einen Computerfreak, der jede Beziehung zum wirklichen Leben abgebrochen hat, Sie stammt aus Japan, wo dieses Phänomen schon an mehr als einer halben Million Jugendlichen zu beobachten ist. Holger Schober hat ein Einpersonenstück darüber geschrieben, das im Thalia in der Gaußstraße von Dominik Günther inszeniert worden ist.
Auf einer Empore ist das Zimmer von H. zu sehen, in dem Ole Lagerpusch sich vollkommen in H. verwandelt. Schon zu Beginn der Aufführung ist er völlig durchgeschwitzt, das T-Shirt kleben an seiner Haut, das Haar fällt fettig in die Stirn. Wenn er seinen eigenen Geruch nicht mehr aushalten kann, versprüht er Deos und Raumspray und streift sich ein neues Shirt über.
Beeindruckend die Leistung von Ole Lagerpusch. Beeindruckend auch der Mut zur reinen Darstellung ohne klärende Analyse der Ursachen. So lässt eher das Fehlen einer schlüssigen Erklärung an diesem Abend ins Nachdenken geraten.
Birgit Schmalmack vom 21.5.07
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