Hamlet-Thalia
Hamlet
Zwei bin ich
So viele Identitäten sind es, in die man schlüpfen könnte. Zu hunderten hängen die Mäntel und Jacken bis an die Bühnendecke und bilden eine flatternde Wand aus grau-braunen Stoffen. Königin und König tanzen durch diesen Vorhang in einem gekünstelten Slow-Motion-Tanz herein. Sie in einem engen Showkostümchen, das ihre drallen Formen gut zur Geltung bringt, er in dunklem Mantel mit Krone auf dem Kopf. Erst wenige Monate ist er im Amt. Seinen Vorgänger hat er ermordet und dessen Frau gleich geheiratet. Ratlos hockt sein Sohn Hamlet auf dem Boden. Wie soll er angesichts dieser Ungeheuerlichkeiten reagieren? Wem darf er noch vertrauen, wenn selbst seine Mutter ihn verraten hat?
Regisseur Luk Perseval lässt seine Zerrissenheit durch zwei Schauspieler verkörpern, die unterschiedlicher nicht sein könnten: den reifen, schwergewichtigen Josef Ostendorf und den jungen, schlanken Jörg Pohl. Der eine steht für die ruhige Überlegung, der andere für das explosive Gefühl. Der eine drückt schon durch seine Gestalt eine behäbige Beständigkeit aus, der andere den Willen zur umstürzenden Tat. So findet der innere Widerstreit Hamlets eine äußere Entsprechung. Das funktioniert sehr gut. Das Zwiegespräch, das Hamlet mit sich selbst führt, findet hier zwischen zwei Darstellern statt.
Neben dieser Ausgestaltung der Titelrolle wurden alle weiteren Figuren in der Fassung von Georg Senkel und Feridun Zaimoglu stark verkürzt und mit eindeutigen Charaktermerkmalen versehen. Die zarte, blasse Ophelia (Barbara Schöink) hat wenige Auftritte, in denen sie ihre aufopfernde Liebe nur andeuten kann. Ihr Vater Polonius (Barbara Nüsse) ist ein im Rollstuhl sitzender, keifender Alter. Sein Sohn geht zu Übergröße erhöht auf Klotzschuhen seiner Fürsorge für seine Schwester nach. Rosenstolz und Güldenstern sind auf eine Person zusammengeschmolzen, die mehr durch beredete Körpersprache als durch Text glänzen darf. Sogar die Theatervorführung innerhalb des Shakespearestückes darf Marco Kreibich ganz allein in Form eines Ausdrucktanzes erzählen.
Die Flucht Hamlets in den Wahnsinn wird durch die musikalische Begleitung von Jens Thomas nachfühlbar. Seine Klavierspiel und Gesang bringt Emotionen zum Ausdruck, die auf den Höhepunkt am Ende zusteuern: Jörg Pohl schreit minutenlang seine Entscheidungsnöte heraus und Thomas steuert markerschütternde Töne bei. „Töten oder nicht? Sagen oder nicht? Sich wehren oder nicht?“ Das Sein oder Nichtsein dieses Hamlet ist zu einem Entscheidungsdrama des „Handelns oder Nichthandelns“ geworden. Doch alleine diese minutenlangen Fragen erschöpfen den einen Hamlet so sehr, dass er am Schluss ohne etwas getan zu haben ermattet da steht und der zweite Hamlet anmerkt: „Der Rest ist...“
Mag Perseval in seiner Inszenierung auch viele Aspekte dieses oft gespielten Stückes vernachlässigt haben, so hat er doch Hamlet zu einem sehr heutigen Menschen gemacht: Angesichts des Verlusts der einer Wahrheit und im Bewusstsein der Relativierung aller möglichen Wahrheiten ist der Entschlusskraft jede Grundlage abhanden gekommen.
Birgit Schmalmack vom 18.10.10
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