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Ganze Wahrheiten

Ganze Wahrheiten
Doppelbotschaften
Schade dass wir uns o lange nicht gesehen, sagt die Ehefrau zu ihrer früheren Schulfreundin. Insgeheim denkt sie: Ein Glück, auf diese egozentrische Zicke kann ich sehr gut verzichten.
Ich habe den nettesten Ehemann der Welt, sagt sie. Doch eigentlich ist sie der Überzeugung: Welche Frau will das schon?
Ihr Ehemann hält sich für bizarr und wild, weiß aber dass seine Frau in ihm den totalen Langeweiler sieht.
So wie dieses Ehepaar spielen auch die beiden Freunde - der agile, aber unzufriedene Trini und der antriebslose, dicke Pascal - und die Männer verschlingende, aggressive Stewardess Annika ein Spiel der Botschaften mit doppeltem Boden. An der Oberfläche freundlich grinsend und darunter depressiv, verbittert und frustriert.
In der hängenden Hütte, die mit dicken Verstrebungen von der Bühnendecke schaukelt, sind die fünf einander auf engstem Raum ausgeliefert. Zunächst agieren sie in Einzelszenen nebeneinander. Doch in der Schlussepisode knallen sie dann aufeinander. Nachdem der Alkohol ihre Zungen gelöst hat, brechen die lange verschwiegenen Wahrheiten durch ihre Fassaden hervor.
In Kimmigs Inszenierung des Textes von Sathyan Ramesh werden die vorgespielten Behauptungen unbarmherzig mit den emotionalen Wahrheiten konfrontiert. Das Bühnenbild symbolisiert die beschränkte Weltsicht der Menschen: Sie stoßen sich zunächst die Köpfe an den engen Wänden und später an den Wirklichkeiten, die die anderen ihnen gegen den Kopf schleudern. Ihr Leben ist gekennzeichnet von Eigen- und Fremdbegrenzung. Ein hoch emotionales Stück, das seine Schockwirkung durch die stringente Regie und die eindrucksvolle expressive schauspielerische Leistung voll zur Entfaltung bringen konnte.
Birgit Schmalmack vom 24.6.08

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