Falling Mann
Falling Man
Asche der Vergangenheit
Eine schwarze Kellergruft mit sechs kleinen Dachöffnungen, an denen sechs Leiter ins Freie führen wird sichtbar: So sieht Keiths (Sebastian Rudolph) Lebensraum nach dem Einsturz der Twin Towers aus. Das Leben findet draußen statt, hier unten sind Sonne und Luft ausgeschaltet. In diesem Erinnerungsraum begegnet er den Bruchstücken seines zerborstenen Lebens: seiner Ex-Frau Lianne (Cathérine Seifert), die einer erneuten Aufnahme ihrer Beziehung nicht abgeneigt ist. Seiner Leidensgenossin Florence (Birte Schnöink), die mit ihm den Absturz überlebte. Seinem Freund und Kollegen Rumsey (Daniel Lommatzsch), der sich in sein Leben einmischt, obwohl er das Attentat nicht überlebt hat. Seiner Schwiegermutter (Barbara Nüsse) und ihrem Geliebten Martin (Rafael Stachowiak), die heiße Debatten über Sinn und Unsinn der terroristischen Angriffe führen.
Alle diese Handlungsstränge aus dem Roman von Don DeLillo lässt Regisseurin Sandra Strunz bruchstückhaft in kurzen Szenen aufleuchten und dann wieder in dem Nebulösen der Erinnerungen verschwinden. Dann verschwinden die Personen durch die Dachluken, um kurz darauf wieder herab zu steigen.
Nachdem in der Sterbeszene Rumseys der Tod seines Freundes endlich Keith Erinnerungsgegenwart erreicht hat, wird jede Verbindung zur Ebene über der Vergangenheitsgruft gekappt: Die Leiter werden nach oben gezogen. Stattdessen hängt ein leeres weißes Hemd in einer der Dachluken. Das des „Falling Man“.
„Hat er dir erklärt, was er hier will?“, insistierte Liannes Mutter, als Keith plötzlich nach dem Einsturz bei seiner Ex-Frau auftauchte. „Darüber kann er nicht reden“, ahnt Lianne. Wie diese Wortkargheit zu Wortlosigkeit über das unbegreifliche Geschehen wird, will Strunz zeigen. Der Zuschauer wird von Strunz und ihrer Textbearbeitung des Romans in dieselbe Lage wie Keith versetzt: So wie er müssen auch sie sich sein Leben mühsam zusammen zu setzen. Prosapassagen, in denen die Darsteller über sich selbst berichten, wechseln mit kurzen Dialogszenen. Gedankensplitter werden nebeneinander gestellt. Die zwei fahrbaren Scheinwerfertürme auf der Bühne werden sie nie ganz erleuchten können. Zurück bleibt Ratlosigkeit angesichts des Angriffs auf die Idee Amerikas. Keith versucht mit einer Plane die Vergangenheit notdürftig vor seiner Zukunft abzudichten und spricht seine letzten Worte: „Ein Hemd flattert herunter. Seine Ärmel kämpfen wie nichts in diesem Leben.“ Der Applaus der Premierenpublikums blieb verhalten.
Birgit Schmalmack vom 29.1.11
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