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Enigma

Enigma

Ein Rätsel ist die Liebe
Ein immer währendes Enigma bleibt die Liebe. Ähnlich wie in den Enigma-Variationen von Elgar bleibt das Subjekt vielleicht bis zum Schluss undefinierbar und ist doch in der Vorstellung klar vorhanden.
Ein Schuss hallt durch den hohen hellen Raum mit Blick auf Meer und Wolken. Ein Mann läuft mit wehendem Mantel an der großen Fensterfront vorbei und flüchtet sich hinter den großen Ohrensessel. Mit diesem Knalleffekt beginnt „Enigma“. Nachdem sich herausgestellt hat, dass der Hausbesitzer selbst auf den Eindringling geschossen hat, bekommt der es mit der Angst zu tun. Doch der Schütze beruhigt ihn: Entweder Leiche oder Gast. Im letzteren Fall hätte er ein Anrecht auf Gastfreundschaft. Doch im Verlauf ihren Unterhaltungen wird es noch öfter vorkommen, dass der berühmte Schriftsteller und Nobelpreisträger Abel Znorko gegenüber dem angeblichen Journalisten seine Gastgeberpflichten verletzt und ihm unsanft die Tür weist. Denn Eric Larsen (Mirco Reseg) stellt unangenehme Fragen. Der arrogante Menschenverachter Abel Znorko (Max Volkert Martens), der sein Leben seit 10 Jahren auf einer einsamen Insel nahe des Nordpols verbringt, sieht zunächst keine Veranlassung, sich auf seine neugierigen Fragen einzulassen. Doch schnell kippt das Kräfteverhältnis zwischen den beiden Männern. Denn zwischen den beiden Männern gibt es ein Bindeglied: Eine Frau namens Helene. In seinem jüngsten Buch hat Abel den intimen fünfzehnjährigen Briefwechsel mit dieser Frau publiziert. Er glaubte, dass sie seit ihrer Trennung ihm immer noch treu ergeben ist. Er ahnte nicht, dass Helene seit 12 Jahren mit dem braven pragmatischen treusorgenden Eric verheiratet ist. Doch auch dies wird nicht die letzte Überraschung in dem an Wendungen reichen Theaterstück von Éric-Emmanuel Schmitt bleiben.
Schmitt ist ein Meister im Verpacken lebensphilosophischer Weisheiten in klug inszenierter Theaterkulisse. Er ist ein Könner der intensiven Dialoge, die etwas aufdecken und in sich die nächste Frage bergen. Ein spannendes Wortgefecht um Wahrheit, Lüge, Leidenschaft, Liebe, Realität und Fantasie hat Regisseur Fred Berndt inszeniert. Es regt in der Begegnung zwischen diesen beiden so gegensätzlichen Männern zu Gedanken darüber an, was Liebe bedeuten kann. Ist sie tatsächlich nur aus Langeweile an der reinen Treibbefriedigung durch den Sex entstanden, um der statt der kurzfristigen Befriedigung die Würze der Trugbilder von dauerhafter Bindung zu erzeugen? Ist Liebe eher umsorgende Treue und zuverlässige Beständigkeit oder ist Liebe ein Suchtverhalten, dass unfähig zur Alltagsbewältigung macht? Will Liebe die totale Verschmelzung und leidet deswegen ständig an ihrer Unmöglichkeit? Oder lässt sie gerade die Ressourcen für ein glückliches Leben entstehen? Doch vielleicht besteht Liebe sogar darin, einen Nebenbuhler zu schätzen, weil man selbstlos eingesehen hat, dass man der Geliebten nicht alles geben kann und sie dennoch glücklich sehen möchte, wie Eric es glaubt.
Über all diese Fragen kann man sich im Verlauf der spannenden zwei Stunden im Ernst Deutsch- Theater Gedanken machen. Dass dies so gut gelingt, liegt an den zwei brillanten Darstellern für die beiden Rollen. Ein ständig schwitzender, tollpatschiger Eric steht zunächst einem souveränen, selbstherrlichen, unsympathischen Abel gegenüber. Im Verlauf des Stückes wird aus Abel ein tief getroffener Mann, der zum Nachsinnen über sein gesamtes Leben gezwungen wird. Und Eric gewinnt demgegenüber an Selbstvertrauen, weil er der Oberflächlichkeit und Ichbezogenheit Abels eine menschliche Größe gegenüber stellen vermag.
Birgit Schmalmack vom 4.11.09

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