Elling
Elling
Sauerkrautpoet
Ich bin in aller Munde
Roger Whittaker ist sein heimlicher Liebling. Dessen sanfte Stimme kann Elling trösten. Doch diesen Luxus erlaubt sich das schüchterne Muttersöhnchen, dessen Lebenssystem nach dem Tode seiner Mutter zusammengebrochen ist, nicht allzu oft – und schon gar nicht in Gesellschaft.
In seinem Erholungsurlaub im „Kurzentrum Broynes“, wie er die psychiatrische Klinik nennt, hat Elling Kjell Bjarne kennen gelernt. Nun haben sie eine eigene Wohnung von der Stadt Oslo bekommen. Der Betreuer Frank (Hans-Jörg Frey) gehört zum fürsorglichen Gesamtpaket der norwegischen Gesellschaft dazu. Er hilft ihnen wieder in die Wirklichkeit des Alltags einzutreten. Dazu gehört zunächst ein kleiner Telefonkurs. Dann ein gemeinsamer Ausflug ins Kino oder zum Essen, obwohl Elling absolut nicht verstehen kann, warum man zuerst eine Wohnung zugewiesen bekommt, wenn man die dann ständig verlassen soll. Er fühlt am sichersten, wenn er keinen Schritt vor die Tür machen muss. Selbst das Einkaufen muss sein bodenständiger Kumpel Kjell erledigen. Er dagegen fühlt sich mit vorgebundener Schürze für die Sauberkeit zuständig.
Kjell Bjarne denkt derweil nur an eines: Wie er möglichst schnell eine Frau kennen lernen kann. Dazu nimmt er auch die außerhäusigen Aktivitäten in Kauf. Eine Frau findet sich aber schließlich direkt vor ihrer Wohnungstür: die alkoholisierte, hochschwangere Nachbarin von der Etage über ihnen. Die findet Kjell Bjarne zwar zunächst etwas sonderbar, ist von der rührenden Fürsorge und handwerklicher Begabung des schweigsamen Mannes angetan. Elling entdeckt derweil seine eigentliche Berufung in dieser Welt: Er ist ein bislang unentdeckter Poet. Um sein Publikum zu finden, kommt er auf die geniale Idee seine Gedichte in Sauerkrautpackungen in die Supermarktregale zu schmuggeln. So bleibt er auch, als eines seiner Gedichte veröffentlicht wird, der geheimnisvolle „E.“, der Sauerkrautpoet.
Michael Bogdanov hat zwei wunderbare Darsteller für die beiden Hauptpersonen gefunden. Boris Aljinovic zeigt einen sensiblen, feinfühligen, pedantischen und liebenswerten Autisten. Sein Gegenpol Peter Thiess zeigt Kjell als tollpatschigen, grundehrlichen, zupackenden, unintellektuellen, netten Teddybär. Die letzte Vorführung von „Elling“ in dieser Spielzeit der Kammerspiele beschloss Aljinovic nach jubelndem Applaus des Publikums mit der Hoffnung: „Ich denke, wir dürfen wieder kommen!“ All den Zuschauern, die die Inszenierung bisher verpasst haben, dürfte dies gefallen.
Birgit Schmalmack vom 7.7.08
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