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Ein Volksfeind

Ein Volksfeind
Ein einsamer Streiter für die Wahrheit
Wie eine Wand steht die Stadt hinter mir, freut sich der Badearzt Tomas Stockmann hüpfend vor Begeisterung. Endlich darf er eine bedeutende Rolle spielen, in der Stadt, in der sein Bruder als Bürgermeister die Macht hat. Er hat etwas herausgefunden, das die Geschicke der Stadt entscheidend beeinflussen wird: Seine Untersuchungen haben ergeben, dass das Wasser, das das neu eröffnete Kurbad seinen Touristen verkaufen will, verseucht ist. Der Skandal ist vorprogrammiert. Endlich werden die Menschen Tomas zuhören.
Zunächst scheint die Rechnung aufzugehen. Der Chefredakteur des Volksboten (Daniel Wahl), des liberalen Blättchen des Ortes, macht sich gerne zum Sprachrohr der neuen Erkenntnisse. Der Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung (Jürgen Uter) verspricht Tomas ebenfalls zu unterstützen. Doch ihre Gefolgschaft bricht jäh zusammen, als sie zu hören bekommen, dass die Bürger diejenigen sein sollen, die die nötigen Umbaumaßnahmen und Einkommenseinbußen zu finanzieren haben. Flugs wird aus dem Volksfreund ein Volksfeind.
Immer weiter igelt sich Tomas in seiner Wahrheitsliebe gegen alle anderen ein. Einzig seine Tochter, die altruistische Lehrerin (Marie Leuenberger), hält noch zu ihm. Sein Idealismus wird in seiner Verbitterung schnell zu diktatorischen Allmachtsfantasien, im Zuge derer er über die Ausrottung der dummen Mehrheit nachsinnt.
Die Starköpfigkeit der beiden Brüder, die ihr Konkurrenzverhältnis nie geklärt haben, führt dazu, dass kein gemeinsamer Weg aus der Krise gesucht werden kann. Da jeder davon überzeugt ist im Besitz der Wahrheit zu sein, ist kein konstruktives Vorgehen möglich. Tomas stellt sich in seinem Idealismus außerhalb der Gesellschaft, der er eigentlich nutzen will. Er findet keinen Weg der Kommunikation. Schließlich ist keiner mehr interessiert an seiner Wahrheit.
Der Schweizer Regisseur Jarg Pataki hat eine mitreißende Umsetzung für Ibsens Stoff gefunden. Wie kleine Marionetten agieren die Figuren zwischen den weißen Möbeln auf dem flauschigen Teppich. Immer wieder legen sie sich auf Tische und Regale bis zu ihrem nächsten Auftritt. Zum Schluss wird der Teppich an vier große Haken genommen und in den Bühnenhimmel gezogen. Wie ein großer grasgrüner Beutel hängt nun die ganze bürgerliche Idylle von der Decke herab. Und die wahre menschliche Natur kommt zum Vorschein: Wie die Hunde hetzen die Bürger der Stadt nun gegen Tomas.
Pataki spürt den Charakteren der einzelnen Personen behutsam nach. Er erzählt nicht nur von einem verbohrten Idealisten sondern von der Verantwortung der Gesellschaft, die ihn nicht produktiv einbinden kann. Samuel Weiss ist ein wunderbar vielschichtiger Tomas. Er zeigt seinen überbordenden, selbstverliebten Eifer zur Gestaltung ebenso wie seine unsagbare Enttäuschung und Verbitterung über die Gesellschaft. Tim Grobe gibt überzeugend der strategischen, jovialen Politiker, der effektiv zu manipulieren weiß. Katja Danowski ist die abgeklärte Ehefrau, die den Blick auf die Zukunft eher unter dem Vorzeichen der finanziellen Absicherung richtet. Ein überaus spannender Theaterabend im Schauspielhaus, der aktuelle Gesellschaftsfragen auf die Bühne bringt - diesmal ohne jeden Anflug von skandalträchtiger Politagitation.
Birgit Schmalmack vom 27.11.08

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