Dorfpunks
Dorfpunks
Positiver Cashflow
Du trägst dein Dorf immer mit dir rum
Jeden Morgen befindet sich Lütjenburg mit seiner biederen Rotklinkerfassade in der Dauerschleife: die flotte Bedienung bei Familia (Marie Leuenberger) schließt den Laden auf. Ihr Chef schiebt die Leergutkästen herein und betascht seine Angestellte mit gierigen Händen in der Enge des Ladens. Der Sportladenbesitzer beschwert sich bei der Polizei, dass schon wieder jemand in seinen Garten gepinkelt hat. Der Dorfpolizist hat jedoch Wichtigeres zu tun: Er scheucht Malte (Tristan Seith) in der Fußgängerzone vom Fahrrad. Urte (Jana Schulz) torkelt mit der Bierflasche über den Platz und kotzt ihren Inhalt auf das Pflaster. Sören (Felix Kramer) lehnt schlaftrunken am Familia-Schaufenster. Sein Kumpel Torben (Hagen Oechel) hockt träge auf den Stufen des Sportladens. Die makellose Frau Spremberg (Rica Blunck) thront derweil von ihrem Giebelfenster wie Gottmutter über der Szenerie und droht den Jugendlichen offen: „Am liebsten würden wir euch den Mund mit Bauschaum ausspritzen!“
In dieser dörflichen schleswig-holsteinischen „Idylle“ wächst Sören alias Rocko Schamoni auf. Hier lebt er mit seiner unnachgiebigen, dauergenervten Mutter (Heinz Strunk), die ihm als seine Chefin und Töpferlehrerin noch einmal begegnet. Glück ist eben Glücksache, wie Urte als geborene Bierphilosophin bemerkt. Doch in einer „Arschlochstadt“ wie Lütjenburg hat man dafür schlechte Karten. Die einzige Vergnügung hält die Disko Schröder bereit, wo die Kinder solange Kaltgetränke eingeschüttet bekommen, bis sie wieder einigermaßen zufrieden aus der Wäsche gucken. Doch auch dort haben Sören und seine Kumpels keinen Zutritt mehr, nachdem sie die neue Punkbewegung in Lütjenburg ins Leben gerufen haben. Das tolerieren weder die Türsteher des Schröders noch die Rocker des Dorfes. Einzig die Familia-Verkäuferin scheint den verwirrten Sören retten zu wollen. Die geile Motorradbraut düst mit ihm ab in den Wald und lässt ihn dann jedoch dort zugedröhnt mit einigen Pillen liegen. So kommt Sören zu seinem ersten Trip.
Zurück in seinem Dorf heißt es sich auf den großen Talentwettbewerb „Chance 85“ vorzubereiten. Dort tritt Sören mit seiner frisch gegründeten Band „Scheiße aus Lütjenburg“ auf. Urte schreit ins Mikro. Malte und Torben rennen mitten im Stück von der Bühne, nur Sören schrammt weiter auf seiner E-Gitarre. Kann dieser wenig ruhmreiche Auftritt bewirkt haben, dass wenig später ein Musikproduzent aus Hamburg bei Sören anruft, um ihm eine echte Chance anzubieten?
Auf jeden Fall kann durch diesen Handlungskniff die zweite Regiearbeit von „Studio Braun“ am Schauspielhaus damit enden, dass Sören und Rocko Schamoni zusammen vors Mikrophon treten und gemeinsam singen: “Folge der Stimme, die du in dir trägst!“
Studio Braun (Palminger, Strunk, Schamoni) hatte vor Beginn des Stücks gewarnt: „Wir werden das Schauspielhaus auf eine Kasperlbude eindampfen.“ Und diese Ankündigung gleich wahr gemacht. Jeder der weiß gekleideten Herren mit blonder Perücke trug sich selbst in Kleinformat als Handpuppe vor sich her. Die versprochene Substanz bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Äußerlichkeiten kroch als ein Affen-Mephisto aus dem Gullideckel hervor, der ab diesem Zeitpunkt zum Begleiter der vier Möchtegern-Punks wird.
Gewürzt mit schmissigen Schlagersongs, Kindertheater-Kulisse auf der Drehbühne, glitzernden Kostümfummeln, Live-Band auf der Bühne und immer wiederkehrenden Beehrungen durch die Herren des Studio Brauns wurde ein wirklich „geiler“ Abend aus der Bühnenfassung des Romans „Dorfpunks“ von Rocko Schamoni. Das Publikum, das zum Teil das Schauspielhaus zum ersten Mal von innen zu sehen bekam, war begeistert. Mit lang anhaltendem Applaus bedankten sie sich für positiven Cashflow, den ihnen das Studio Braun plus Ensemble beschert hatten.
Birgit Schmalmack vom 30.6.08
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