Die Leiden des jungen Werther-bosse
Die Leiden des jungen Werther
Seelenbespiegelung
Sein erstes Wort ist „Ich!“ Gebrüllt wird es von Werther (Hans Löw). Ganz allein steht er vor der grauen Wand, die sein Weltsicht und die Bühne begrenzt. Seine Seelenwelt wird ihm zum Mittelpunkt der gesamten Welt. Dafür hat er sich zurückgezogen aufs Land. Hier kreist er nun ungestört um sein leidendes Selbst.
Doch „dort sollte er die Bekanntschaft einer schönen Frau machen“, kündigt ihm schließlich Lotte (Fritzi Haberlandt) an, die ihm Publikum sitzend zugehört hat. Sie erklimmt die Bühne und er hat ab sofort ein äußeres Zeichen seiner Seelenbespiegelung: Lotte wird zu seinem Sehnsuchtsbild.
Doch diese Lotte ist vergeben: „Icke bins, der Albert!“ tönt dann auch wenig später aus den ersten Reihen. Albert (Ronald Kukulies) behauptet lautstark seinen Platz an Lottes Seite. Während er seine Witze reißt, mit einer Klamotte nach der nächsten um Lottes Aufmerksamkeit buhlt, steht das zarte Fräulein still beobachtend zwischen den beiden Männern. Lotte ist nicht eine Frau, die wählt, sie wird gewählt. Zumal sie eine Aufgabe zu erfüllen hat: Nach dem frühen Tod ihrer Mutter soll sie die verbliebenen Geschwister aufziehen. Alberts Unterstützung ist ihr dabei gewiss, aber Werthers?
Jan Bosses Inszenierung des bekannten Goethetextes changiert zwischen Small Talk, Ernsthaftigkeit, Kitsch und Blödelei. Ihr Mittelpunkt ist Hans Löw. Sein Lachen lässt die Traurigkeit hören. Sein Ausweichen lässt den Abgrund erahnen. Seine Fahrigkeit zeigt seinen Absturz ins Bodenlose. Fritzi Haberlandt stellt sich als Bild der unerreichbaren Sehnsucht zur Verfügung. Kukulies bildet den Kontrapunkt zu Löws kapriziöser Übersensibilität und Schlaksigkeit. Als „dicker Vernünftling“ gibt er den gutmütigen, zupackenden Gute-Laune-Bären.
Das Publikum darf teilhaben an der Seelenspiegelung Werthers. Zur Halbzeit wird ein riesiger Spiegel herein getragen und direkt vor der grauen Wand aufgebaut, so dass nun das Publikum Teil des Bühnenbildes geworden ist, in dem Werther in der ersten Reihe Platz genommen. So macht Regisseur Jan Bosse klar, dass auch uns in unserer heutigen Wellness-Psycho-Coaching-Kultur eine eifrige Seelenbeschau nicht ganz fremd ist.
Birgit Schmalmack vom 15.10.09
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