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Die Krönung der Poppea

Die Krönung der Poppea
Wir sind alle Künstler
Nach einem Kaiser-Saal sieht es hier nicht aus: Eher nach offener Loftwohnung, deren Bewohner Wellness, Kultur und Gesellschaft exzessiv ausleben. Badewanne, Bücherregal, Esstisch, Liegesofas und Plattensammlungen auf verschiedenen Ebenen. Das Absperrband an den Rändern zeugt von Absturzgefahr. Unvollendete Betonsäulen von weiteren Bauplänen.
Hier zelebriert sich der machtbesessene Kaiser Nero als großzügiger Künstler, der sich gerne mit anderen Kunstbeflissenen umgibt, sei es als Zuhörer oder als Schaffende. Seine Selbstgefälligkeit macht ihn süchtig nach Anerkennung. Seine Empfindlichkeit lässt ihn aber keine Kritik ertragen. Weinerlich sucht er den Austausch, dessen Ehrlichkeit er fürchtet. Bruno Cathomas ist eine Idealbesetzung für diesen eitlen, einsamen Machtmenschen. Seine Frau Ottavia (Maja Schöne) bietet ihm leidenschaftlich mit erhobenen Haupte Paroli, auch wenn Nero ihr immer droht, diesen abschlagen zu lassen. Da er kurz zuvor seine eigene Mutter hat beseitigen lassen, muss sie jederzeit mit der Umsetzung seiner Drohung rechnen. Ottavia verehrt den Philosophen Seneca (Hans Kremer), den Nero zugleich schätzt und fürchtet. Er selbst pflegt eine heißblütige Affäre mit der schönen Poppea (Yelena Kuljic), die seinetwegen ihren Mann Otho (Tilo Werner) verlässt.
Die Oper von Monteverdi dient dem Regisseur David Morton als Anregungsfeld für seine musikalische Inszenierung „Die Krönung der Poppea“ im Thalia Theater. Neben den Arien der Oper ertönen hier aber auch Jazz-, Wagner- und Popelemente. Die Musiker sind zugleich Schauspieler, so wie die Schauspieler zugleich als Sänger fungieren. Mortons Konzept geht auf: Auf der offenen Bühne wird so unverkrampft, amüsant und energiegeladen nach Verbindung des Gestern und Heute, der Geschichte und Gegenwart, der Klassik und der Moderne gesucht, dass sich die Offenheit und Spannung trotz ungewohnter Sperrigkeit der Ideen direkt auf das Publikum überträgt.
Birgit Schmalmack vom 7.10.10

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