Der Prozess-Kriegenburg
Der Prozess
Willkür
Ein überdimensioniertes Auge blickt die Zuschauer von der Bühne aus an. Die Iris ist eine Scheibe, die sich drehen und in die Horizontale stellen kann. Die Bürger hängen wie kleine Insekten an den Pflöcken, die das Gesetz ihnen willkürlich setzt. Immer wieder stellt sich ihr Lebens-Untergrund in die Schräglage und sie geraten ins Rutschen. Denn das Auge des Gesetzes wacht über jeden.
Joseph K. wird eines Morgens in seiner Wohnung verhaftet. Der Prozess gegen ihn beginnt, während er anscheinend weiterhin normal seiner Tätigkeit in einer großen Bank nachgeht. Für ihn undurchschaubar gerät er in die Mühlen des Gesetzes, die sich unaufhörlich drehen, wie die Scheibe, auf der er lebt. Die Willkürlichkeit wird umso deutlicher, da alle acht Darsteller wie Joseph K. aussehen: mit schwarzem Anzug, weißem Hemd und Schnurrbart ausgestattet. Wer gerade der Richter, der verhörende Staatsanwalt, der Wächter oder der Angeklagte ist, wechselt von Szene zu Szene.
Andreas Kriegenburg, ein alter Bekannter in Hamburg, zeigte sich mit dieser Arbeit von seiner besten Seite. Er gibt dem Roman über dreieinhalb Stunden ausreichend Raum zur Entfaltung. Die präzise Sprache Kafkas kommt in seiner Inszenierung, die als Gastspiel der Münchner Kammerspiele während des Theaterfestivals zu sehen war, bestens zur Geltung. Das prägnante Bühnenbild (auch Kriegenburg) sorgte für eindrückliche Metaphern, die die aussichtslose Lage K.s verdeutlichte.
Birgit Schmalmack vom 30.09.10
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