Decamerone
Decamerone
Erzählen als Überlebenshilfe
Zehn Bewohner von Florenz fliehen vor der Pest. Sie richten sich in einer Villa vor den Toren der Stadt ein. Einzige Bedingung für die Aufnahme in ihren Kreis: Alle Sorgen bleiben in der Stadt, hier werden nur gute Nachrichten verbreitet. Um sich die Zeit auf angenehme Art zu vertreiben, erzählen sie sich Geschichten. Die Fantasie wollen sie als Mittel gegen den Tod einsetzen.
Jeden Tag ist ein anderer der König und darf bestimmen, welche Geschichten erzählt werden sollen. Mal soll die Liebe als alle Hindernisse überwindende Kraft gewürdigt werden. Mal darf in den Geschichten kein Stein auf dem anderen bleiben. Mal sollen die Geschichten in erster Linie von der Großzügigkeit handeln. Mal sollen die Liebesgeschichten in der Katastrophe enden. Ist es ein Zufall, dass sich die Männer in der Runde die dramatischen Ausgänge wünschen und die Frauen eher die Geschichten mit Happy End?
Die fünf Darsteller (Irene Kugler, Monique Schwitter, Anna Maria Kuricova, Lukas Turtur, Daniel Wahl) erschaffen unter der Regie von Stefan Otteni auf dem Teppich aus Blütenblättern eine zauberhafte Atmosphäre. Sie geraten ins Fabulieren, feuern sich dabei gegenseitig an. Die Geschichten haben sie von Boccaccio, doch sie dienen nur als Gerüst, auf dem sie frei formulierend herumlaufen können. Das machen sie mit Bravour. Sie ziehen nicht nur sich gegenseitig in ihren Bann sondern auch die Zuschauer auf der intimen Bühne des Rangfoyers. Hier erzählen Menschen um ihr entschwindendes Leben festzuhalten. Sie erfinden sich ihr Leben, ein schönes ereignisreiches, dramatischeres Leben. Sie erzählen, um weiter leben zu können und sei es nur in ihren Geschichten, an die man später erinnern wird. Ein schöner Abend über die Macht der Fantasie, der die Zuschauer zu trommelnden Beifall für die Schauspieler animierte.
Birgit Schmalmack vom 8.4.08
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