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Das wartende Mädchen für alles

Das wartende Mädchen für alles
Teufelskreis
Für Außenstehende komisch, für die Betroffenen tragisch.
Dieses "Sicherheitsverhalten" verhindere, dass der Betroffene seine Angst zu zittern und damit aufzufallen kritisch überprüfe
In ihren jeweiligen Angstsituationen fürchten die Betroffenen, etwas zu tun oder zu sagen, was andere als peinlich empfinden könnten. Aus dieser Angst heraus versuchen sie, solche Situationen um jeden Preis zu vermeiden - und lösen so einen Teufelskreis aus.
Alles steht bereit für die Lesung des berühmten TV-Kochs Hajo von Sauter. Nur der Shooting-Star des Privatfernsehens fehlt noch. Statt seiner kommt ein schüchternes blasses Männchen auf die Bühne: Das Mädchen für alles, der unscheinbare Theatermitarbeiter Markus die kleine Bühne des Hauses 73. Stotternd liest er den Text von einem Pappkärtchen ab: Aufgrund technischer Probleme verzögere sich der Auftritt von Sauters noch etwas. Dass die technischen Probleme in den verdorbenen Krabbenbrötchen vom gestrigen Geburtstagsbuffet liegen, muss er wenig später zugeben. Er gerät ins Philosophieren. Markus gesteht, dass er nach einem deprimierender Erfahrung als Darsteller einer Bahnschwellen nie wieder auf einer Bühne gestanden hat. Seine Liste der verhinderter Frauenbekanntschaften ist lang – die seiner Freundinnen sehr kurz: Eine hat es 18 Tage mit ihm ausgehalten. Neue Kontaktaufnahme fällt ihm schwer: Da er ausschließlich Edelsteinwasser trinkt, könne er schließlich die Frau nicht einfach auf einen Kaffe oder Tee einladen. Auch die Anmachsprüche von Karsten aus der „Ballermann-Reportage“ helfen ihm nur bedingt weiter. Doch zum Glück gibt es Frauen, die selbst die Initiative ergreifen. Eine Ex-Kollegin aus dem Callcenter lädt ihn zu einem Abendessen in ihre WG ein. Nach längerem Überlegen kommt er allerdings zu der Auffassung, dass sie ihm aufgelauert haben müsste. Seine Unfähigkeit zur ungezwungenen Kommunikation treibt ihn in einen wirren Verfolgungswahnvorstellungen. Markus ist so gefangen in seinem kleinen Käfig aus Selbstschutz, Unsicherheit, Schüchternheit und Minderwertigkeitskomplexen, dass kein Gegenüber seine kruden Weltsichten korrigiert. So steigert er sich in wirre Wahnvorstellungen hinein, die es ihm erlauben, aus Sicherheitsinteressen seinen Käfig nicht zu verlassen.
Hendrik von Bültingslöwen spielt den biederen, schüchternen Einzelgänger in Perfektion. Er versteht es, die Komik mit der Tragik seines Charakters zu verbinden. Unter der Regie von Hauke Meyer zeigt er, wie nahe sich dabei übersteigerte Normalität und verstiegene Verrücktheit kommen können. Ein Kabinettstückchen über einen Soziophobiker, das es über all die Lacher innerhalb der vergnüglichen Stunde der Aufführung fast vergessen lässt, dass es eine persönliche Tragik hinter einem solchen Schicksal steht..

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