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Das Leben ist ein Traum

Körber Junge Regie
Das Leben ist ein Traum
Die Arbeit, die das Max-Reinhardt-Seminar geschickt hatte, trug experimentelle und zugleich sehr strenge Züge. Eine stark einschränkende Form sollte neue Freiräume der Imagination öffnen. So lies Wolfgang Türks Colderons Drama „Das Leben - ein Traum“ um Ehre, Befehlsgehorsam, Schicksal und Moral als konzertante Aufführung mit einem Chor aufführen, der starr geradeaus blickte und sich nur auf klar ausgerichteten Stuhlreihen bewegen durfte. Spannende Fragen, die das Stück während der Entwicklung der Geschichte aufwarf, konnten so nicht im Miteinander der Figuren ausgetragen werden. Gekettet an die strenge Einengung durch die Form war die Herausforderung an die Schauspieler enorm. Dass diese Art der Inszenierung nicht alle Zuschauer erreichen konnte, zeigten die Reaktionen im folgenden Zuschauergespräch. Neben Anerkennung wurde mit bohrenden Fragen und kritischen Anmerkungen nicht gespart.
„Auf dem Land“ von der Bayerischen Theaterakademie aus München zeigte ganz andere Züge. Psychologisch fein beobachtet wurde die Dreieckskonstellation eines Ehepaares plus Geliebte. Waren die beiden Älteren strikt daran interessiert ihr System der Illusionen aufrecht zu erhalten, so versuchte die jüngere im Dreiergespann die eingefahrenen Wege noch zu verlassen. Der Text von Martin Crimps deckt nur Stück für Stück die Geschichte der ineinander verwobenen Drei auf. Sie formulierten zwar Fragen, aber verzichteten stets auf deren Beantwortung zu drängen, weil sie ihre mühsam zusammen gezimmerte Vorstellungswelt wohlmöglich zerstört hätten. So macht das Ehepaar am Ende genau da weiter, wo es am Anfang begonnen hatte. Es wagt einen gemeinsamen Neuanfang beim Weitermachen wie bisher. Das Bühnenbild zeigt ein quadratisches Inselpodest, belegt mit echtem grünen Rasen. Ein Aussteigen wäre möglich, doch keiner will diese Lebensinsel, die nur die schon bekannten Schrecken beinhaltet, verlassen zugunsten all der unbekannten Ängste und Probleme, die außerhalb zu erwarten wären. Eine kluge Arbeit von Jung-Regisseur Moritz Schönecker.
Von der Ernst-Busch-Hochschule aus Berlin kam „H Ha Hamlet“. Eine Hamlet-Fragment-Inszenierung, die den Stoff von Shakespeare scheinbar mühelos ins Heute bugsierte. Unter den Themenaspekte Liebe, Familie und Freundschaft hatte Regisseur aus dem Originaltext Szenen zusammengestellt und so eine neue Ordnung jenseits der Dramaturgie gefunden. Kontrastiert und ergänzt hat er sie mit Alltagsbemerkungen, die dem Leben im heutigen Berlin abgelauscht wurden. Was der Stoff mit jungen Leuten heute zu tun hat, war für Regisseur Jan-Christoph Gockel die leitende Frage bei diesem Projekt. Auf der Sofareihe, die zwischen die beiden Wände auf der Thaliabühne gequetscht wurde, lümmeln sich die sechs Darsteller, die die Rollen ganz nach Belieben wechseln. Was als Notlösung für die Alterstruktur der studentischen Schauspieler begann, setzte neue Ideen frei. Gockel zeigte nicht nur inszenatorische Ideenvielfalt sondern auch konzeptionelles Potenzial.

Am letzten Abend konnte eine ausgereifte Arbeit der Folkwang Hochschule in Essen genossen werden. „Hedda Gabler“ aus einer ganz neuen Perspektive. Hedda ist gefangen in ihrer Vorstellungswelt. Das wird schon zu Beginn überdeutlich. Hedda hockt in einer Vertiefung im Zentrum des cleanen türkisfarbenen Bühnepodests. Ihr niedlich-raffiniertes und ebenfalls türkisfarbenes Kleidchen, zu dem sie brave Zöpfchen um das weiß geschminkte Gesicht gelegt hat, verbindet Zugeknöpftheit mit Erotik dank des zum Teil transparenten Stoffes. Hedda wagt sich nicht aus ihrem Loch. Gefangen von Sehnsucht nach einer Illusion von Schönheit, Größe und Erhabenheit fehlt ihr der Mut zum Risiko, das Tun immer beinhalten würde. Deswegen hat sie auch das Angebot von Tesman sie versorgen zu dürfen nicht ausschlagen mögen. Obwohl es ihr an Verehrern nicht mangelte, hat sie sich für den drögen „Fachmenschen“ entschieden, neben dem sie sich eigentlich entsetzlich langweilt.
Auch ihre Mitspieler sind ebenfalls festgelegt auf ihre spezielle Persönlichkeit. Franziska Marie Gramss findet für jede der Personen eine ganz eigene Körpersprache, die neben den gesprochenen Worten äußerst beredt ist und viel über seine Gefühle verrät. Manchmal stehen sie im Gegensatz zur vorgeblichen Meinung und enttarnen seine Maskerade. So schwebt Frau Elvsted auf Zehenspitzen unsicher über der Wirklichkeit. Richter Brack zeichnet mit seinen Händen und Fingern seine Vorstellungswelt beim Reden ständig in die Luft.
Als Tesmans Karriere einen Bruch zu erleiden droht, wagt Hedda eine Tat: Sie schaltet seinen vermeintlichen Konkurrenten Eilert Lovborg aus. Doch was eine heroische Liebestat erscheinen sollte, wird zu einem peinlichen Fehlschlag, der ausgerechnet die ehemalige Assistentin Lovborgs in die Arme ihres Gatten treibt. Auch in Heddas Selbstmord sieht die Regisseurin Gramss keinen Ausbruch aus der Schnödigkeit dieses Lebens: Heddas bleibt während der Tat in ihrem Loch sitzen. Sie erschießt sich und ihr Kopf sinkt schlicht zur Seite auf eine Kante. Es wäre zu hoffen, dass diese Regisseurin ihre besondere Sichtweise auf altbekannte Stücke jenseits dieses Festivals auch in Zukunft auf einer Bühne präsentieren darf.

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