Cargo
Cargo
Schöne Oberfläche- Harter Alltag
„Heute starte ich im dritten Gang, denn wir fahren nur mit Halblast“, verrät einer der bulgarischen Fahrer. Nur knapp 50 Menschen sind an Bord des Lkws, der normalerweise 14 Tonnen transportieren kann. Sie finden in Längsrichtung zur verspiegelten Seite des umgebauten Trucks auf schmalen Sitzreihen Platz. Vorne in der Fahrerkabine sitzen und plaudern die beiden Fahrer (Ventzislav Borissov, Nedjalko Nedjalkov), die ihre menschliche Last in Rekordzeit von Sofia nach Hamburg fahren werden. Nur 2 Stunden brauchen sie für den grenzüberschreitenden Verkehr, denn am heutigen Abend sind es nur die Grenzen des Freihafens, die sie und die Zuschauer passieren. „Welch ein Glück! Heute nur wenig Wartezeit!“ freuen sie sich bei jeder vermeintlichen Zollabfertigung.
Die Beiden sind Experten der Wirklichkeit, mit denen Stefan Kaegi als ein Vertreter der Gruppe „Rimini Protokoll“ so gerne in ihrer besonderen Form des Dokumentartheaters arbeitet. Für „Cargo: Sofia-Hamburg“ gewannen sie zwei von ihnen, die routiniert den Truck steuern und nebenher launig von ihrem Alltag als Trucker erzählen. In der Kabine wird geschlafen, gegessen, gekocht, gelebt während ihrer Fahrten. „Sie ist unser Zuhause.“ Und doch sind die Gedanken nur bei den Lieben daheim. Nie stellen sie sich alleine auf einen einsamen Parkplatz zum Schlafen. Stets suchen die schützende Gesellschaft der anderen Lkws. Fürs Wachbleiben hat jeder so seine eigenen Tricks: Der eine nimmt Speed, der andere begnügt sich mit Nescafe und Red Bull. Die Trucker werden zwangsläufig auf Reisen zu Selbstversorgern: Die Lebensmittel im Ausland sind für sie zu teuer. Auch die Angebote der Prostituierten sind selten erreichbar. Der Preisunterschied zum Heimatland und zum eigenen Verdienst ist einfach zu groß.
Die Zuschauer genossen sichtlich die Sightseeingtour durch das nächtliche Hamburg mit seinem riesigen Hafengelände. Die schönen Bilder lenkten von den weniger romantischen Erzählungen der beiden Fahrer ab. „Wie Weihnachten sieht es hier aus“, meint dann auch einer von ihnen, als das Lichtermeer unten ihnen passiert wird. So sahen die Zuschauer die schöne Oberfläche und konnten fast die harte Arbeit, die darunter steckt, ausblenden. Nur die sachlich dargestellten Informationen per Textlaufband und Filmeinspielungen zu dem Aufstieg der deutsch-bulgarischen Transportfirma Betz-Somat ließen über den Tellerrand der ganz persönlichen Sichtweisen hinausblicken. Während die beiden Fahrer nach einer fünftägigen Tour 150 Euro in der Tasche haben, erinnerten sie daran, dass es bei der Firma Betz um weitaus größere Summen geht. Allein 4 Millionen Euro Schmiergelder sollen an die betreffenden Regierungsorganisationen der Länder geflossen sein, um den Verkehr am Laufen zu halten.
Birgit Schmalmack vom 3.10.07
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