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Arabqueen

Arabqueen
Powergirl
Zusammen gekauert sitzt Mariam (Tanya Eratsin) auf dem kleinen weißen Podest. Eiswürfel hageln auf sie herab. Mit ihrem Schmelzwasser vollzieht sie die rituellen Waschungen vor dem Gebet: „Oh Allah, wasche meine Sünden ab mit Wasser, Schnee und Hagel!“
Als Mariams Freundin Lena (Inka Löwendorf) meint: „Ein Tag mit meinen Eltern und du drehst durch“, entgegnet Mariam: „Ein Tag bei meinen Eltern und du bist tot.“ Lena hält das für überdramatisch. Doch als Mariam die Bekanntschaft mit einem Jungen macht, wird klar, was sie damit meinte: Kurzerhand wird die Zwangsverheiratung mit einem Cousin angebahnt.
Die Story lässt eine Klischeegeschichte, die bestens in die derzeitige, aufgeregte Integrationsdebatte passt, vermuten. Doch Regisseurin Nicole Oder vom Heimathafen Neukölln schafft es mit ihren wandlungsfähigen drei Schauspielerinnen (Sascha Ö.Soydan) einen Ton zu treffen, der perfekt zwischen Lässigkeit, Betroffenheit und Selbstironie ausbalanciert ist, so dass jede Effektheischerei im Keime erstickt wird. Stets der benutzten Klischeebilder bewusst spielt sie locker mit ihnen, überpointiert sie sogar, um dann eine Vielschichtigkeit aufzudecken, die überrascht. Sie setzt den Fokus auf die Mädchenperspektive. Die Männer sind nur anwesend, indem die Frauen in ihre Rollen schlüpfen. Das Hineinversetzen wird so zum Prinzip dieser Inszenierung. „Die Liebe geht, aber die Familie bleibt.“ Die Satz von Mariams Mutter macht die Koordinaten der arabischen Großfamilie klar. In der Herausforderung in einem Leben an der Nahtstelle zwischen den Kulturen zeigt die beiden jungen Mädchen ihre große Stärke. Zum Schluss springt Mariam auf, läuft aus dem Raum und schlägt die Tür kräftig hinter sich zu. Wird sie für sich den Weg in ein selbst gestaltetes Leben schaffen?
Birgit Schmalmack vom 4.2.11

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