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Wir Antigone

Wir Antigone
Generation der Unrührbaren
Antigone ist eine junge Frau, die aufbegehrt. Trotz angedrohter Todesstrafe stellt sie sich gegen den Herrscherwillen. Sie protestiert gegen die herrschende Meinung und tritt für ihre Überzeugungen ein. Sie will ihrem Bruder Polineices eine Grabstätte geben, die ihm der Herrscher Kreon verwehrte.
Regisseur Branko Simic erkannte sogleich die Parallelen zu seinem Heimatland Bosnien. Auch hier hoffen immer noch Tausende auf die Möglichkeit ihren Angehörigen eine Grabstätte zu geben. Mit seinem Antigone-Projekt mit bosnischen und deutschen Schauspielstudenten forschte den Spuren Antigones in den Geschichten der jungen Generation nach. Durchgehend zweisprachig sind alle Rollen doppelt besetzt: von einem bosnischen und von einem deutschen Schauspieler bzw. Schauspielerin. Das hat besondere Reize, wenn die Rollen so unterschiedlich interpretiert werden wie bei Kreon: Ihn gibt es einmal als jovial-perfide weibliche und einmal als markant-machohafte männliche Ausführung. Eingespielte Interviewszenen zeigen die Schauspieler mit ihren Antworten zur Bedeutung von Politik, Krieg, Tod, Geschichte, Aufbegehren und Vergangenheit in ihrem Leben auf den abgehängten Leinwänden. Die Haltungen unterscheiden sich in einzelnen Punkten stark. Während der Deutsche Marc Simon Delfs die erste Berührung mit einer politischen Entscheidung spürte, als das Rauchverbot in Kniepen erlassen wurde, berichtet der Bosnier Mirza Salihvic von dem Geräusch der Mörsergranaten in seiner Kindheit und dem plötzlichen und nie aufgeklärten Verschwinden seines Vaters.
Simic ging assoziativ mit dem Anregungspotenzial des Antigone-Stoffes um. Den Bosniern im Team fiel die Identifikation sichtlich leichter, den Deutschen gelang das Einfühlen erst beim einwöchigen Besuch in Tuzla während der Probenzeit. Während sich die Deutschen in ihren kuschelweichen Konsumschutzkokon des Alltags in einem Land zurückziehen können, das Kriegshandlungen nur aus dem Fernsehen kennt , ist auch für die Generation der Bosnier, die den Krieg nicht direkt miterlebt hat, die Vergangenheit in jeder ihrer Familien stets präsent. Sind wir etwa eine Generation der Unrührbaren, die für keine Ideale mehr aufbegehren wollen?, fragte sich eine deutsche Zuschauerin am Ende selbstkritisch.

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