Radio Muezzin
Radio Muezzin
Die Technik übernimmt
Von der dunklen Bühne ertönt ein „Alluah Ackbar“, dann stimmen rechts und links der Zuschauerreihen zwei weitere Sänger mit ein. Ein vielstimmiger Gebetsruf entführt die Zuschauer nach Kairo. Bald kommen auf den Filmleinwänden hinter dem roten Gebetsteppichboden Szenen und Geräusche aus dem Straßenleben der ägyptischen Millionenstadt hinzu.
Ein Gewichtheber, ein Elektriker, ein Bäcker und ein blinder Koranlehrer – sie alle rufen in Kairo zum Gebet. Sie sorgen fünfmal am Tag für den polyphonen individuellen Ruf der Gläubigen in die Moschee. Fünfmal schallt er mit viel Echo und hoher Lautstärke von allen Seiten auf die Wohnbevölkerung ein und erinnert sie an das zu verrichtende Gebet.
Das soll nun anders werden. Das Religionsministerium will den Gebetsruf mit Hilfe der Technik vereinheitlichen. Der Radioingenieur auf der Bühne
erklärt wie: Demnächst soll nur noch eine Stimme eines auserwählten Gebetssängers über alle Trichtermegaphone gleichzeitig übertragen werden. Die vier Muezzine sehen dem mit Gleichmut entgegen: Der eine wird weiter staubsaugen, der nächste die kaputten Stromleitungen in Stand setzen, der andere Koranverse lehren und der letzte gehört zu den Auserwählten, deren Stimme weiterhin zu hören sein wird. Letzterer ist allerdings nur noch auf der Filmleinwand zu sehen. Seit 2009 gehört er wegen immer größeren Spannungen nicht mehr zum Laienteam der „Experten des Alltags“.
Rimini Protokoll hat sich dieses Mal mit ungewohnt großer Ernsthaftigkeit dem Thema Islam genähert. Ironische Randbemerkungen vermisst man hier. Die Schrift auf der Leinwand erklärt warum: Die Achtung vor Allah verbietet auf dem Gebetsteppich die Darstellung. So bleibt für Riminis Produktion „Radio Muezzin“ größtenteils sachliche Information übrig. Die Muezzine erklären ihren Werdegang und die Bedeutung der Moschee für ihr Leben. Nur einmal blitzt der Schalk bei dem Elektriker-Muezzin auf: Als er einen Kurzschluss mit Hilfe einer Essiggurke demonstrieren will, gelingt das im dritten Anlauf. Sein Lachen ist ebenso herzlich wie das der Zuschauer.
Birgit Schmalmack vom 14.12.10
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