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Nostalgie 2175

Nostalgie 2175

Sehnsucht
Diese Zukunft möchte man nicht mehr erleben. Zum Glück ist das Jahr 2175 noch so fern, dass dies auch nicht der Fall sein wird. Denn diese Wirklichkeit, in der die Menschen 2175 leben müssen, ist wenig attraktiv und lebenswert. Die Sonne ist verschwunden. Die Durchschnittstemperatur liegt bei 60 Grad. Der Aufenthalt im Freien ohne Schutzanzüge ist lebensgefährlich. Die Haut verbrennt innerhalb weniger Stunden. So verbringen die Menschen ihre Zeit in geschlossenen Räumen, ausgestattet mit speziellen Schutztapeten.
Auf die Herstellung solcher Tapeten hat sich der Unternehmer Posch (Peter Jordan) spezialisiert. Sie werden aus Dermaplast hergestellt. Ihr Grundstoff ist totes Hautmaterial, das die Funktionen der trockenen spröden Menschenhaut ersetzen soll. Er bildet den Künstler Taschko (Daniel Hoevels) zum Tapetenmaler auf diesem besonderen Untergrund aus. Taschko trägt schwer an seiner Vergangenheit. Er wurde Opfer einer Vergewaltigung. Da er nackt liegen gelassen wurde, trug er schwerste Hautverbrennungen nach sich. Er lernt die Kellnerin Pagona (Susanne Wolf) kennen und verliebt sich in die schöne Frau. Doch ihre Beziehung unterliegt schweren Belastungen: Taschko ist unfähig sich berühren zu lassen. Pagona vergeht vor Sehnsucht nach intensiver Beziehung zu ihm, doch er kann sie ihr nicht geben. Da stellt sich Posch bereitwillig zur Verfügung, ihre Sehnsucht nach Sinnlichkeit zu stillen. Ausgerechnet aus diesem Zusammensein entsteht ein Baby, was 2175 an ein Wunder grenzt. Mittlerweile ist nur noch künstliche Befruchtung üblich. Was auch daran liegt, dass bei einer natürlichen Empfängnis die Mutter bei der Geburt sterben muss.
Pagona will dieses Risiko eingeben, denn sie glaubt fest daran, dass sie durch das Kind eine wahre Verbindung zu Taschko aufnehmen könnte. Das sieht er ganz anders: Er will Pagona behalten. Als sie sich für das Kind und damit gegen ihn entscheidet, begeht er Selbstmord. So bleibt zum Schluss Posch mit dem Baby alleine zurück.
Das Stück „Nostalgie 2175“ hat Anja Hilling als rückblickende Erzählung der Mutter Pagona an ihr noch ungeborenes Kind geschrieben. Regisseur Rafael Sanchez findet mit dem Bühnenbildner Simeon Meier eine äußerst passende Metapher für den Zustand der drei Personen zu einander und zu ihrer Umgebung. Er setzt sie in drei einzelne aufblasbare durchsichtige Plastikhäuschen, die sie wie eine Schutzhülle umgeben. Sie machen eine Begegnung fast unmöglich. Immer ist eine Plastikhaut zwischen ihnen. Ihre Küsse und Berührungen werden hinter Plastik schützen sie vor wirklicher Nähe. Die Sehnsucht bleibt in ihren Räumen eingesperrt und kann nie erfüllt werden. Sobald die Hülle verlassen wird, entweicht die Luft und die Haut legt sich wie eine Plastiktüte, die das Atmen lähmt auf die Menschen.
Dass der Text, der eher ein Hörspiel als ein Theaterstück ist, auf der Bühne so gut gelingt, liegt neben dem gelungenen Bühnenbild vor allem an den drei Darstellern. Susanne Wolff gibt dem Text, der an manchen Stellen pathetisch wirken könnte, tiefes Gefühl. Peter Jordan lotet auch in diesem Stück alle Möglichkeiten zu humorvollen Untertönen geschickt aus. Daniel Hoevel zeigt einen traumatisierten Mann, der in seiner Vergangenheit eingefroren wirkt und dennoch den Wunsch nach einer Möglichkeit sich von ihr zu befreien offenbart. Hilling hat eine Hommage an die Liebe geschrieben - an eine unerfüllte, so wie sich das für Liebesdramen gehört. Denn vielleicht liebt Pagona Taschko gerade deswegen so, weil er für sie immer unerreichbar sein wird? Vielleicht weigert er sich ihr zu nähern, weil er in Wirklichkeit Angst vor ihrer Liebe und Nähe hat und zieht daher den Tod vor?
Birgit Schmalmack vom 5.5.08

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