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Life is perfect

Life is perfect



Benutzen und benutzt werden

Als erstes fällt der Blick der Zuschauer beim Betreten der „Halle“ im Prenzlauer Berg auf eine Frau mit langer blonder Mähne und riesigem Kussmund, die wie eine Puppe an der hinteren Bühnenwand mit Klebeband fixiert ist. Keine Regung ist zu erkennen. Als das Paketband von zwei Männern fast eine Viertelstunde später mit wenigen Griffen entfernt wird, fällt sie leblos in ihre Arme. Wie eine Gummipuppe muss sie von den Männern mit Lebensodem versorgt werden, bis sie zu ersten wie fremd gesteuert wirkenden Bewegungen in der Lage ist.
Auch die Begegnungen der anderen vier Tänzer sind selten von reiner Harmonie gekennzeichnet. Sie loten den schmalen Grad zwischen Gleichklang und Bedrängung aus. Sekundenschnell kippen ihre Kontakte von einer Bemühung um Verständigung zu reiner Manipulation, die in erster Linie eigene Bedürfnisse befriedigen sollen. In den Zweier- und Dreiertanzszenen findet die cie. toula limnaios immer wieder neue wunderbar eindrucksvolle, schmerzhafte Bilder für die Beziehungskonstellationen zwischen Menschen. Eine Frau wird zwischen zwei Männern in einer Umarmung so festgehalten, dass sie dabei keinerlei Raum zur Selbstentfaltung hat sondern fast erdrückt wird. Eine Frau schiebt ihren Tanzpartner immer wieder mit leichten Tritten und Schubsen in die von ihren gewünschten Positionen. Eine Frau wird von drei Männern an Haaren, Kleidung, Händen und Füßen hochgehoben, Kopf über aufgehängt, hin- und hergeschaukelt - ganz wie es ihnen beliebt. Sie ist dabei völlig passiv. Eine Frau wird mit Paketband auf dem Fußboden fixiert. Eine Tänzerin hat sich spitze Stöckelschuhe angezogen und tanzt eine kleine Tangoeinlage über ihren bewegungslosen Körper hinweg, mit ihren spitzen Absätzen immer nur einen Millimeter von dem ungeschützten Armen, Beinen und Gesicht der Frau entfernt.
Die Beziehungsgeflechte, die hier gezeigt werden, spiegeln eine Ichbezogenheit wieder, die durch das Motiv des Spiegels gekonnt symbolisiert wird. In einer Szene betrachten die Tänzer sich minutenlang in einem Spiegel, den sie in der Hand halten, während eine Tänzerin ein fulminantes Solo hinlegt. Nur langsam ändern sie den Blickwinkel ihres Spiegels und nehmen auch die Tänzerin mit in das Spiegelbild hinein. Doch immer bleibt es nur der Hintergrund zu ihrem eigenen Bild.
Im Laufe des Stückes, das seinen Titel „life is perfect“ gekonnt mit ironischen Kommentaren versieht, wird der Blick auch auf die Abhängigkeiten im Miteinander gelenkt. Ein kleiner Kleiderhaufen hat sich mittlerweile in der hinteren Ecke der Bühne aufgetürmt. Die sieben Tänzer haben sich ihrer Abendkleider und Anzüge entledigt und sind bis auf die Unterwäsche entkleidet. Nur einer hat sich ein weites Kleid übergestreift. Er schreitet der kleinen Gruppe voran. Eine der Frauen schlüpft von hinten mit unters Kleid, schiebt ihre Arme durch die Armlöcher, während der Tänzer mit seinem Körper abtaucht und zur Seite fällt. Nun steckt die Frau in dem Kleid und führt die kleine Gruppe an. Eine Sequenz, die das Werden und Vergehen im Lebenszyklus einfach und wirkungsvoll illustriert.
Erst am Schluss, als die sieben Tänzer sich aller Kleidung und damit aller Fassaden entledigt haben, können sie achtvoll und behutsam miteinander umgehen. Minutenlang sorgen sie zu dafür, dass eine der Tänzerinnen in immer wieder neuen Stellungen in der Luft gehalten wird. Nun hat ihr Umgang eine liebevolle, zärtliche Note bekommen, die ihm zuvor fehlte. In der letzten Einstellung, bevor das Licht verlöscht, haben sie sich eng zu einem Menschenknäuel zusammengelegt, dicht aneinander geschmiegt und können sich nun gegenseitig den Schutz geben, zu dem sie zuvor nicht in der Lage waren.
Die Musik von Komponist Ralf R. Ollertz, der auf der Bühne mit Zither, Mikro, Klangschale, Papier und Schlagwerken seine elektronisch bearbeiteten Klänge erzeugt, trägt entscheidend zum Sog des beeindruckenden Choreographie der in Athen geborenen Toula Limnaios bei. Sie versorgt mit faszinierenden Bildern, die lange im Gedächtnis bleiben.
Birgit Schmalmack vom 4.8.08

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