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Hexenjagd

Hexenjagd-Kritik

Fanatismus
Hetzjagd
Eine Gruppe junger Mädchen wird beschuldigt sich in einem nächtlichen Tanz im Wald mit dem Teufel eingelassen zu haben. Um sich aus der Schlusslinie zu bringen, drehen sie den Spieß um: Sie, die unschuldigen Kinder, seien nur von anderen mit dem Bösen infiziert worden. Neben der schwarzen Dienstmagd (Natali Seelig) sollen auch noch weitere Mitglieder der Salemer Gesellschaft eine Rolle gespielt haben. Die Angelegenheit weitet sich zu einem Schauprozess aus, der ein Sondergericht nach Salem bringt. Aus Sicht von Abigail (Claudia Renner), der Anführerin der Mädchengruppe, ist dies die Chance Salem von den selbstgerechten Heuchlern zu befreien. Besonders hat sie dabei eine „Hexe“ im Auge, die Frau Elisabeth (Judith Hofmann).ihres heimlichen Geliebten John (Alexander Simon). Diese ganz persönliche Hetzjagd würde zusätzlich den Zweck erfüllen den Platz an Johns Seite frei zu machen.
In dem weißen Bühnenkasten huschen die schwarzen, uniformen Gestalten herum. Fast gesichtslos wagen sie kaum sich je aus der Masse heraus zu positionieren. Nur wer in der Menge verschwinden und sich unsichtbar machen kann, hat Hoffnung dem drohenden Unheil zu entgehen. Die Menschen sind auf der Suche nach Schuldigen für ihr persönliches Unglück, das ihnen in ihrem Leben widerfahren ist. Die Frau, die bereits sieben Kinder im Kindbett verlor, der Mann, der seinen Besitz verlustig ging, der Pfarrer, der in seiner Gemeinde einen schweren Stand hat. Als die Theorie des Teufels in Menschengestalt die Runde macht, scheinen alle Fragen auf einmal geklärt. Erleichtert können sie feststellen, dass die Verantwortlichkeiten geklärt sind. Sie sind nicht verantwortlich zu machen für ihr Schicksal. Jemand anderes ist schuld. Dass diese Schuldigen bestraft und unschädlich gemacht werden müssen, ist nur logisch.
Andrea Kriegenburg erzählt mit Arthur Millers „Hexenjagd“ eine spannende, nervenaufreibende Hetzjagd einer Gesellschaft, die sich bereitwillig den einfachen Erklärungsmustern hingibt. Millers Stück berichtete von einer wahren Begebenheit aus dem Jahre 1692, meinte aber eigentlich die Vorkommnisse in der McCarthy-Ära. In Kriegenburgs Inszenierung wird es zu einer zeitlosen Parabel auf der Suche nach Sündenböcken. Streng in Schwarz-Weiß, Gut-Böse choreographiert liefert es beklemmende Bilder, die jeweils mit einem aufschreckenden Peitschenhieb angekündigt werden. Das chorische Sprechen einzelner Rollen verdeutlicht eindrucksvoll die Macht der Masse und das Verschwinden der Individualität. Der Verlauf des Abends erlaubte verschiedene Vermutungen zur Zeitfrage, erst ganz zum Schluss wurde die Katze aus dem Sack gelassen: Die Geschichte spielt in einer Zukunft, in der religiöser Wahn wieder eine Bedeutung so wie zur Zeit der Hexenverfolgungen oder Glaubenskriege erlangt hat.
Birgit Schmalmack vom 22.11.07

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