hamburgtheater

...............Kritiken für Hamburg seit 2000

Finale 2011

Finale 2011

Die heilige Cäcilie

Die Macht der Musik ist ein Thema des Kleistschen Erzählung „Die heilige Cäcilie“. Heute ist Musik allgegenwärtig. Die MTV-Generation ist mit diesen immerwährenden Einflüssen groß geworden. So war für die Inszenierung von Lea Connert der Ausgangspunkt klar. Der allumfassende Einfluss der Musik und der Technik auf unser heutiges Leben sollte erkundet werden. Alle Beteiligten waren aufgerufen ihre eigenen Erfahrungen und Ideen beizutragen. So ist aus ihrer gemeinsamen Arbeit eine Szenenrevue geworden, die den Unterhaltungsaspekt hervorragend berücksichtigt.
In fantasievollen Plastikkostümen kommen die Vier mit Roboterbewegungen auf die Bühne, auf der vier Mikrophone von der Decke baumeln. Mit immer neuen Nummern spüren sie den Erfahrungen ihrer MTV-, Ipod- und Web2.0.-Generation nach. Sie zeichnen eine Entwicklung nach, die immer mehr menschliche Funktionen durch Maschinen ersetzen lässt. Ihre Prognosen ist düster: Übrig bleiben Technokörper und ein Rauschen aus einem der zahlreichen Radiogeräten, die für den Anfangspunkt dieser Entwicklungsspirale stehen mögen. Ideen- energie-, spaßreiche Umsetzung, die dennoch den Nachdenklichkeitsaspekt nicht unberücksichtigt ließ, wenn sie auch die Verbindung zum Ausgangspunkt von Heinrich Kleists Geschichte weitgehend im Diffusen beließ.

Helden
„Uns geht doch wirklich gut.“ Die Mutter (Antonia Bill) sieht es als ihre Aufgabe an eine Bilderbuchfamilie darzustellen. Ihr Ehemann (Andy Klinger) steht ihr dabei stets eilfertig zur Seite. Auf der Bühnenrampe arbeiten sie an ihrer Selbstdarstellung und nutzen sie für Botschaften an die Welt.
Ihre Liebe erdrückt die Kinder. Der Tochter (Jasna Bauer) bleibt die Luft zum Atmen weg, der Sohn (Christian Löber) sieht sich zu einem Punkt zusammenschrumpfen. Sie suchen nach einem Weg, ihre passgenaue Einsortierung ins System zu verhindern. Des Nachts werden sie zu Helden, die sich wehren. Sie legen ihre Kleidung ab und zum Vorschein kommen Catwomen und Spiderman. Endlich können sie aufbegehren und sich gegen den Zugriff ihrer Eltern wehren, die das Glück nur spielen aber sich vor Unzufriedenheit je nach Temperament schlafen oder heulen.
Eine Inszenierung der Ernst-Busch-Schule aus Berlin, bei der alles stimmte: Text von Palmetsdorfer, Inszenierung von Roscha A. Saidow, Musik von Atheer Adel und die Darsteller.

Das kleine Hasenstück
http://www.noz.de/lokales/49494292/lampe-steht-auf-rollen

Anjorka Strechel steht auf Rollen. Die Vollblutschauspielerin rollt nicht nur auf Rollschuhe über die Straße, das Foyer und die Bühne, sie schlüpft auch in halsbrecherischem Tempo in die verschiedenen Hasenrollen, die ihr Kathrin Mayr zugeschrieben hat. Als Angsthase philosophiert sie über die Angst, die der Feind des Lebens ist. Als Teil einer aufbegehrenden Hasenarmee über die Hasenmoral, die nur eine Reaktion ist und des Ressentiments bedarf.
Wenn sie die Aufmerksamkeit des Publikum für ihre Zauberkunststückchen vermisst, ruft sie: „Schauen Sie doch lieber einen Film!“ Die Videoeinspielungen zeigen sie in ihrem Hasenkostüm durch die Stadt schlendern: im Waffenladen, im Zoo, in der Kneipe und beim Einkaufen. Hier ersteht sie einen riesigen Bilderrahmen. Sie schleppt ihn wie einst Jesus schwer atmend auf die Bühne. Eine Performance a la Beuys wird angekündigt: Der leere Rahmen dient für eine Kunstinstallation, die der Zuschauer auf sich wirken lassen soll. „Füllen Sie die Fläche.“ Als das Absperrband wieder entfernt ist, sind alle Möglichkeiten wieder erschreckend weit offen. Und der Hase kann aus dem Bild treten. Er steht nämlich nicht für des Zuschauers Bild von einem Hasen zu Verfügung. Auch nicht für das eines Bunnys. Auch wenn Anjorka Strechel sich mit Schleifchen, rosa Höschen und rosa Öhrchen versieht und sich auf dem Kiste räkelt, philosophiert sie währenddessen über die Determinierung der Hasen und der Häsinnen. Sie verweigert sich und verlässt den Raum.
Rundum begeisternde Vorstellung der energiegeladenen Darstellerin Anjorka Strechel!

Der Findling und Anti is gone
Das Bühnenbild war originell: In einer gehäkelten weißen Berglandschaft spielt sich das Drama „Der Findling“ ab. Wie auch im späteren „Anti is gone“ gab die Textreue den Ton vor, hielt die Beleuchtung durch Overheadprojektoren die Anteile von Schatten groß und war der Rollentausch en vogue. „So bin ich denn kein Mann, sondern du“, wurde zum zentralen Aufhänger im Konflikt zwischen Kreon und Antigone. Allerdings viel zu offensichtlich: Im Lendenschutz von Kreon blinken die LEDs. In beiden Arbeiten gab es einige interessante Anfangsideen, die leider ohne Konsequenz und Spannung umgesetzt wurden.
Birgit Schmalmack vom 4.7.11





hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000