Fettes Schwein
Fettes Schwein
Selten so gelacht
Dicke haben es schwer in einer Gesellschaft, in der jung, fit und dynamisch als das erstrebenswerte Ziel für alle ausgeschrieben ist. Das erfährt auch Tom, als er sich mit der korpulenten Helen anfreundet. Er fühlt sich bei ihr rundum wohl. Vergisst sein Kolorienzählen, darf nach Herzenslust seinen Sinnenfreuden mit ihr nachgehen und auf dem Sofa kuschelnd die Zeit vergehen lassen ohne in Hektik zu verfallen. Eine gemeinsame vorleibe für Kriegsfilme schmiedet ihr Band nur noch fester. Wenn da nicht Toms überaus interessierte und besorgte Kollegen aus dem Büro wären. Einmal der vor Neugier über die schmutzigen Details der neuen Flamme strotzenden Kumpel Carter und zum zweiten die eifersüchtige Ex-Freundin Jeannie, die eigentlich auf einen Neuanfang mit Tom gehofft hatte. Und die vor Enttäuschung hysterische Eifersuchtsanfälle bekommt. Beide lassen sie Tom nicht auf den Augen, begierig auf Informationen über Toms neue Eroberung. Doch Tom feuert ihre Neugierde noch weiter an, indem er diese Informationen wohlweißlich verheimlicht. Als er dann dem Ansturm der beiden nicht mehr standhalten kann, hängt kurze Zeit später Helens Foto für alle sichtbar als Plakat in der Kantine und ein Zettel vor Toms Tür: „Fick doch deine Fette Schlampe“.
Tom ist ein Typ, der es jedem recht machen möchte. So ist er der ideale Kandidat dafür, sich innerhalb kürzester Zeit zwischen allen Fronten zu befinden. Seine Freundin merkt, dass er auch deswegen die Kuschelabende vor dem Fernseher so schätzt, weil er jeden Kontakt mit der Öffentlichkeit vermeiden möchte. Seine „Freunde“ finden mit spurhundsicherer Nase jede seiner wunden Punkte, seiner Unsicherheit und wühlen darin herum. Toms Talent ist es, sich mit Bravour um klare Aussagen zu drücken. Nie fest zu legen mit klaren Aussagen oder Meinungen. An dieser ungewohnten Herausforderungen durch eine Freundin, die keiner gesellschaftlichen Akzeptanz bei diesen Kollegen erwarten darf, hätte er wachsen können. Doch Tom zieht lieber den Schwanz und kneift. Der Betriebsfrieden ist ihm wichtiger als Beziehungsarbeit.
Regisseur Kai Wessel hat die Rollen in diesem Vierpersonenstück klar aufgeteilt: Tom und Helen sind für die ernsthafte Tragik in „Fettes Schwein“ zuständig. Und Jeaniie und Carter sorgen für die Unterhaltung, damit es nicht zu lamoyant und pathetisch pädagogisch wird. Letztere würzen ihre Anmachen, die alle üblichen Höflichkeitsfloskeln abgelegt haben, mit Slapstick auf feinsten Boulevardniveau. Jeder Anflug von Hysterie wird zu einem Anfall, der sich auch hier jede Zurückhaltung entledigt hat. Die boshafte Neugier, die gelangweilten Carter antreibt, macht ihn zu einem winselnden Hund, der jeder Neuigkeit hinterher hechelt.
Jede Übertreibung ist den beiden gestattet, während die beiden anderen den Konflikt zwischen gesellschaftlicher und eigener Meinung mit Tiefgang zeigen dürfen.
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