Festival 150
Festival 150%
Aus den drei Produktionen am Freitag, die in der Opera Stabile gezeigt wurden, ragte die zuerst gezeigte eindeutig heraus. Zuerst sah es fast nach einer unspannenden Lesung aus: Ein langer Tisch, Charlotte Pfeiffer in schwarzem Anzug, eine weiße Tasse neben den gefalteten Händen, angestrahlt von einem Diaprojektor. Irritierend nur, dass Pfeiffer leichenblass mit roten Augenrändern und streng zurückgestrichenen Haaren leise vor sich hinmurmelnd und in sich versunken da saß. Als sie zunächst sehr leise zu sprechen beginnt, ist ihr jedoch sofort jede Konzentration im schwarzen Aufführungsraum gewiss. Differenziert modulierend, mit exakter Prononcierung berichtet sie von einem Bild, auf dem ein Mann, eine Frau, ein Vogel und ein Haus zu sehen sind. Zunächst nichts Spektakuläres, doch Heiner Müller als Autor dieser Bildbeschreibung weiß selbst aus dieser langweiligen Aufsatzaufgabe eine mörderische Geschichte zu entwickeln. Unter der Regie von Julius Jensen wird daraus ein nicht weniger spannendes Theaterereignis.
Der lange Tisch ist mit Mehl bestäubt. Als Pfeiffer ihn aufrecht stellt und als Rednerpult nutzt, stäubt die Staubwolke ihrer Kleidung ein. Ein schwarzer Geistervogel blickt die Zuschauer kurz darauf über der Tischplatte an. Der über den Kopf gezogene Pullover mit einer sich weiß abzeichnender Fratze aus Mehlstaub dient Pfeiffer als Gesichtsmaske. Ein geschicktes Spiel mit dem Geschlechtern kommt dem Text auf die Spur, der zum Schluss fragt: Welcher eigene Anteil des Autors bzw. Sprechers mag wohl in den drei Lebewesen auf dem Bild stecken? Pfeiffer verkörperte sie alle drei auf brillante Art: die kränkliche Frau, den Mann mit der schwarzen Intellektuellen-Müller-Brille und den Todesvogel mit der schwarzen Maske. Zum Ende zeigt der Projektor nach vielen leeren Diabildern eines mit dem Schatten von Pfeiffer, in dem die reale zum Ende der höchst interessanten 60 Minuten verschwindet.
Birgit Schmalmack vom 27.11.07
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