Die neuen Leiden des jungen W
Die neuen Leiden des jungen W.
Risikoreicher Aufbruch
Wurde er in Schulaufsätzen gefragt, wer sein Vorbild sei, hätte Edgar am liebsten geantwortet: Edgar Wibeau. Er wollte immer er selbst werden. Doch er war ein angepasster Sohn und ein angepasster Schüler. So erfand er für seine Umwelt stets ein akzeptiertes älteres Vorbild, über das er schreiben konnte.
Doch dann bricht er die Lehre ab. In Berlin beginnt er ein neues Leben, als werdender Künstler in einer leer stehenden Laube. Seinem Freund Willi fehlt dafür der Mut, er kehrt wieder zurück. So geht Edgar in der Kleingartensiedlung allein seinen Studien nach. Als er dort auf das zerlesene Reclambüchlein „Die Leiden des jungen Werther“ stößt, erkennt er sich in ihm wieder. Noch offensichtlicher werden die Parallelitäten als Edgar die junge, mit Dieter verlobte Kindergärtnerin Charlie kennen lernt.
Jette Steckel wagt eine doppelte Transformation mit ihrer Inszenierung „Die neue Leiden des jungen W.“ im Thalia in der Gaußstraße. Transferrierte Ulrich Plenzdorf schon Goethes Tagebuchtext in die DDR der siebziger Jahre, so stellt Steckel Edgar ins heutige Berlin. Die Mauer ist vor 20 Jahren gefallen, so verkünden die Zeitungen, die die Passanten zu Beginn ihrer Aufführung hoch halten. „Und Edgar Wibeau ist tot“. Auch das ist schon von Anfang an klar. So beginnt ihr Stück als Suche des früh abgetauchten Vaters nach den Spuren seines verstorbenen Sohnes. Auf der Drehscheibe, die mittenauf der Bühne routiert, trifft dieser auf die Menschen, die im Leben seines Sohnes, den er nie richtig kennen gelernt hat, eine Rolle gespielt haben.
Bühnenbildner Florian Löscher gibt Edgar auf dieser Insel in der Gesellschaft Raum sein eigenes Häuschen zu bauen. Im Laufe der zwei Stunden dauernden Inszenierung entsteht eine Laube, die langsam jede Öffnung zur äußeren Welt verschließt. Nur Videoprojektionen erlauben dem Außenstehenden einen Einblick in Edgars Welt. Dann blicken sie in die wirren, verschwitzten Gesichtszüge von Ole Lagerpusch, der den Künstler glaubhaft in sich vereinsamen lässt. Dass die zupackende, bodenständige Katrin Wichmann bei diesem „Spinner“ die Aufregung sucht, die sie mit ihrem spießigen Dieter vermisst, mag etwas verwundern. Steckel findet dafür schlüssige und interessante Bilder für die zaghafte Annäherung der Beiden, wenn sie nur ihren Schattenrissen auf den weißen Wänden Kontakt erlaubt.
„Er zog sich in sich selbst zurück und fand eine Welt,“ steht am Ende auf den weißen Wänden der Laube. Steckel gelingt eine zeitgemäße Übertragung des Plenzdorf-Textes, der durch die Zitate des Goethe-Textes an Tiefgang gewinnt.
Birgit Schmalmack vom 2.1.09
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