hamburgtheater

...............Kritiken für Hamburg seit 2000

Der blaue Engel

Der blaue Engel
Doppelbödigkeit
Professor Raat wird von seinen Schüler nur „Unrat“ genannt. Sie rächen damit für die Schikanen und Ungerechtigkeiten des griesgrämigen, unzufriedenen, verbitterten alten Mannes. Eines Tages entdeckt er eine Postkarte von einer Nachtclubsängerin bei einem seiner Schüler. Er wittert Unzucht und sucht die Dame auf. Raat ist wider Willen von ihrer unbekümmerten Erotik fasziniert. Er verfällt ihr und will sie heiraten. Ein Skandal, der zu seinem Rauswurf am Gymnasium führt.
Nun wohnt er in ihrer Garderobe. Seiner bisherigen Existenz und seines Ansehens entledigt, greift er zur Flasche. Sein letztes Fünkchen Selbstwertgefühl ist aufgebraucht, als er schließlich hilflos mit ansehen muss, wie Rosa mit anderen, jüngeren Männern herumflirtet.
„Lieben, das ist meine Natur, kann halt lieben nur.“ So singt Rosa. Katharina Kaali verkörpert die Rolle von Marlene Dietrich mit burschikosem Charme. Sie ist keine unnahbare Lola, sondern das süße Mädchen von nebenan, das halt gerne mit den Männern spielt. Wilfried Dziallas ist ein hervorragender Professor. Er kehrt immer wieder überzeugend den arroganten Oberlehrer heraus und zeigt ebenso den liebebedürftigen Mann, der für Rosa sein Existenz aufs Spiel setzt. Regisseur Frank Gruppe nutzt die kleine Bühne des Ohnsorg Theaters bis auf den letzten Zentimeter aus. Mit Hilfe der Drehbühne sind drei verschiedene Kabinette entstanden. Die Mansarde des Professors, der Nachtclub und die Garderobe sind bis in letzte Detail liebevoll ausgestaltet. Der Wechsel von der Bildungssprache Hochdeutsch zur Alltagssprache Plattdeutsch setzt Gruppe wirkungsvoll ein. Gruppe konzentriert sich auf die tragische Entwicklung von Raat, der in seiner eigenen Doppelbödigkeit versinkt. Die Bedingungen der wilhelminischen Gesellschaft, die Heinrich Mann in seinem Roman „Professor Unrat“ gleichzeitig zum Thema machte, lässt er wie im Film von Josef von Sternberg nur mit anklingen.
Birgit Schmalmack vom 14.10.08

hamburgtheater - Kritiken für Hamburg seit 2000