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Das Leben ist immer anderswo

Das Leben ist immer anderswo

Über dem Dorf Mansfeld leuchten keine Sterne mehr. Damit Onkel Christian (Hartmut Schories) dennoch seiner Nichte Janika (Anna Blomeier) als abendliche Überraschung einen besinnlichen Sternenhimmel darbieten kann, muss das Publikum einspringen. Mit Hilfe der Feuerzeuge, die unter den Sitzen bereit liegen, zaubert es auf Knopfdruck einen Hauch Romantik. Doch Janikas Entschluss steht fest: Sie will weg. Ein Kunst-Stipendium in London soll die den Weg in eine aussichtsreichere Zukunft öffnen. Zu deprimierend sind die Vorbilder der nach der Wende hier verbliebenen Dorfbewohner in der ehemaligen Bergbauregion, die jetzt von Arbeitslosigkeit geplagt wird.
Da ist der Ex-Parteifunktionär Benjamin(Markus Graf), der nach einem Unfall im Rollstuhl dahinvegetiert und selbst beim Selbstmord scheitert. Janikas Vater Tomas (Harald Baumgartner) ist ein verhinderter Rockstar. Statt als Musiker fährt er als Versicherungsvertreter durch die Lande. Janikas Mutter Betty (Verena Reichhardt) versucht sich dagegen in Zweckoptimismus und widmet sich nur noch den pragmatischen Fragestellungen des Lebens. Janikas Onkel Christian, der seine Tochter durch einen Unfall und seine Frau verlor, weil sie ihn kurz darauf verlies, findet keine Kraft für einen Neuanfang. Die suchende Isabell (Anna Steffens), die ihren Ehemann wegen anderer möglichen Chancen verlies, um festzustellen, dass sie eigentlich nur seine Liebe will. Und letztendlich der Pastor (Christoph Bantzer), der keiner ist und dennoch die verlassene Kirche des Dorfes zu neuen Leben erwecken will. Sie alle können verständlicher Weise der einzigen jungen Person im Dorf keine Perspektive aufzeigen.
Frank Abt inszeniert den Text von Fritz Kater behutsam. Die einzelnen Szenen lässt er zwischen rohen, lose zu einzelnen Räumen und Durchgängen zusammengelegten Holzbohlen (Bühne: Julia Krenz) spielen. Wie schon in seinen „Stadtnotizen“ arbeitet er auch hier wieder mit Laien zusammen: Drei alte Frauen werden von drei Nicht-Profis gespielt. Das birgt Momenten der authentischen Zerbrechlichkeit auch Risiken in sich. Denn Abt benötigt viel Sensibilität der Darsteller für den Ausdruck der feinen Stimmungen, damit aus den Einzelepisoden im besten Fall ein ganzes Bild entstehen kann. Es gelingen ihm durchaus poetische Momente, die eine Ahnung der Atmosphäre in dem Gebiet um das Mansfeld entstehen lassen. Um es aufzuhübschen, nützen die Plastikranken, die die rohen Bretter umgeben nicht viel: Ohne Trost und Aussichten erscheint diese Gegend. Man kann Janika verstehen, dass sie weg will. Doch sie kommt nicht weit. Ein Zugunglück bringt sie zurück ins Dorf, und zwar in das Heim der drei Alten, wo sie notdürftig versorgt wird.
Birgit Schmalmack vom 27.2.08

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