Das große Nichts
Das große Nichts
An einem langen Seil schwingt Lear mit seiner jüngsten Tochter beschwingt durch die Lüfte. Wie versteinert lehnen derweil die anderen Gestalten an den Rändern der Pappkastenbühne. Lear und Cordelia bilden den einzigen Quell von Leben, Gefühl und Glück.
Wie groß ist eure Liebe? fragt King Lear wenig später seine drei Töchter. Die beiden ältesten antworten erwartungsgemäß mit großen Liebesschwüren. Nur die jüngste, Lears Lieblingstochter Cordelia, schweigt. „Von Nichts kommt nichts!“ bescheidet ihr der über die Maßen enttäuschte Vater und verstößt sie.
Das Haus des Staates ist von Pappe. Mit einem lauten Knall bricht es auseinander, als King Lear seinen beiden ältesten Töchtern die Macht übertragen hat. Die hintere Hälfte des Pappbühnenkastens reißt entzwei und bewegt sich fortan auf seinem eigenen Drehradius vom Hofe Lears weg. Eine Fehlentscheidung, die sein treuer Untergebener Kent gleich erkannt hat. Doch Lears enttäuschte Liebe lässt ihn für die Worte der Vernunft taub werden. Er hofft darauf, dass seine beide Töchter Reagan und Go seine Liebeserwartungen erfüllen werden. Abwechselnd will er bei ihnen wohnen. Ihre begierig auf das Erbe lauernden Ehemänner lassen nichts Gutes vermuten. Und so kommt es auch: Sie berauben ihn seiner Gefolgsleute, seiner Würde, seiner Ehre und in der Folge auch seines Verstandes. Verrückt geworden irrt er umher, all seiner Orientierung beraubt.
Seiner Getreuer Kent folgt ihm auf dem Fuße, verkleidet mit Trainingsanzug, grauem strähnigen Haarvorhang und Bauchansatz, immer bereit ihm wieder zur Seite zu stehen. Einen zweiten Begleiter findet er in seinem „Jungen“, seinem jugendlichen Spiegelbild in Narrengestalt (Jana Scholz). Spitzbübisch haut sie ihm die ungeliebten Wahrheiten in Spruchweisheiten um die Ohren. Mit der goldenen Krone auf dem Kopf, die Lear leichtfertig an die Falschen vergab, springt der Narrenjunge auf seine Schultern oder spukt hoch von der Bühnenloge auf den Kopf.
Auch dem zweiten Handlungsstrang um die zweite Vater-Kind-Beziehung zwischen Glocester und seinen beiden Söhnen widmet sich die Inszenierung von im Schauspielhaus in sorgfältiger, stimmiger und bildkräftiger Analyse. Das führt zu einem hochspannenden Abend, dem allerdings in der zweiten Hälfte ein wenig Straffung gut getan hätte, als er sich in Spielereien zu verlieren droht. Doch zum Ende der gut drei Stunden dauernden Aufführung bringen die dramatischen Wendungen in den Ereignissen den nötigen Drive, um restlos begeistert über eine aufregende und solide Inszenierung nach Hause zu gehen. Dazu trägt nicht zuletzt die zeitgemäße Übertragung von Ingwersen bei.
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