Bliss
Bliss
Die gern verdrängte Wahrheit
„Ein Elefant im Raum“ - eine Metapher für eine Wahrheit, die so übermächtig ist, dass man sie gerne übersehen möchte. Zu dem Bild eines Elefanten fügen sich auch die Wände der Räume zusammen, in denen Harry Joy sein Leben zubringt. Dort arbeitet er in seiner Werbefirma, dort wohnt er mit seiner Familie. Der Rahmen, der sich wie ein großes Dach über die einzelnen Parzellen schiebt, macht den Elefanten für den distanzierten Betrachter erkennbar. Doch für die Bewohner öffnen sich die Einblicke nur so stückweise, wie die Kulissen über die Bühne geschoben werden. Ständig sind die Räume und Menschen in Bewegung, ständig auf der Suche nach Sinn und Glück. Harry bekommt die Bilanz seines bisherigen Lebens zu seinem Firmenjubliäum knallhart präsentiert: Er erleidet einen Herzinfarkt und findet sich in der Hölle des Krankenhauses wieder. Geläuert will er sein Leben ändern. Er zieht aus und begegnet dort die ökologisch orientierten Prostituierten Honey – für beide die große Liebe. Doch Henrys Familie schaut nicht tatenlos zu, wie er ihren Wohlstand gefährdet: Sie lässt ihn in die Irrenanstalt einliefern. Hier auf dem Müllberg der Gesellschaft, auf dem alle nutzlosen Menschen vor sich hinvegetieren, nimmt auch Henry seinen Platz auf einem Rollwagen ein. Hart wie die eiserne Lady Maggie Thatcher regiert die Direktorin Mrs. Dalton die Klinik. Während Betty in der Firma kurzen Prozess macht, holt Honey ihren Geliebten aus der Anstalt. Fortan lebt er mit ihr in ihrem Bienenstock, den sie unter dem Dreck der Gesellschaft, in dem Müllberg, eingerichtet hat. Hier findet Henry seine „Bliss“, seine Glückseligkeit.
Nach dem Roman von Peter Carey hat der australische Komponist Brett Dean eine Oper geschrieben. Zehn Jahre später leitet Simone Young, die einst die Auftraggeberin für Sydney war, die deutsche Erstaufführung in Hamburg. Dean benutzt einen musikalischen Mix vieler Stile: Anleihen an Strauss, Händel, Ligeti oder Verdi, Barmusik, Cool Jazz oder Werbejingles sind dabei. Das ergibt einen stimmungsreichen Musikteppich, der die vielen überraschenden Entwicklungen auf der Bühne untermalt, antreibt und verstärkt. Wolfgang Koch ist eine hervorragende Besetzung für den etwas in die Jahre gekommenen Geschäftsmann in der Midlife-Krisis. Er spielt und singt ihn überzeugend. Betörend ist Ha Young Lee als Honey. Hocherotisch verführt die Schöne Harry zu neuen Lebensfreuden. Eine modernes Werk, das die Gattung Oper von einer neuen Seite zeigt. Sie scheut sich weder vor großen Emotionen noch vor überraschenden Handlungsverläufen. Sie wagt die Übertreibung, die Zuspitzung von Alp- und Wunschträumen.
Birgit Schmalmack vom 25.9.10
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