Gustavia, HAU1

Gustavia, HAU1


Wonderwomen oder Heulsuse?

Zwei Frauen heulen. Sie wimmern, schluchzen im Duett und wischen sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Sie sprechen von übermächtiger Trauer abgerissene Wortfetzen ins Mikro, die von Tod und Leid sprechen. Aha, das schwache Geschlecht, das den Beistand einer starken Schulter braucht!? Doch schnell wird klar: Alles nur Show. Die Beiden inszenieren hier das Bild von Frauen, die ihren „weiblichen“ Emotionen freien Lauf lassen.
Danach werden sie noch viele weitere Klischees aufspießen. Die animalische Frau, die auf ihre Instinkte reduziert ist: Dabei werden sie wie aufgescheuchte Tiere über die Bühne springen, hoppeln und hüpfen. Die Niederbretterin von Geschlechtsgenossinnen: Dazu werden sie sich wie Clowns mit einem Brett, das sie auf den Schultern tragen, umhauen. Immer wieder, bis eine ganz am Boden bleibt. Doch sie wird ihre Revanche bekommen und sich diebisch darüber freuen die andere ausgeknockt zu haben. Die konkurrenzbesessene Verführerin: Dann werden die Beiden in einen Reize-Battle einsteigen und so um die größtmögliche Aufmerksamkeit ringen.
Doch zum Schluss steigen sie beide auf einen Stuhl und erfinden in sich gegenseitig anspornenden Wettstreit die Frau neu. Alle Arten der Frauen sind hier möglich: die friedfertige, die kriegslüsternde, die unförmige, die wohlgeformte, das Wonderwomen, die Ängstliche und und ... Eine schier unendliche Liste an Frauen sprudelt aus den Beiden heraus.
Die beiden Choreographinnen La Ribot und Mathilde Monnier haben mit „Gustavia“ einen humorvollen Diskus zum Thema Ausweitung der weiblichen Rollenzuschreibungen hingelegt, der mit den Gattungen ohne jede Berührungsscheu spielt. So tauchen Anklänge an Burleske, Clownerie und Stand-Up-Comedy, aber auch Schauspiel und Tanz auf. Das funktioniert wunderbar, aber auch nur, weil hier zwei Persönlichkeiten mit hoher Bühnenpräsenz auf der Bühne stehen.
Birgit Schmalmack vom 27.8.17




 

Gustavia Foto: Marc Coudrais

Zur Kritik von

 
Tagesspiegel 
 


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