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22 Bahnen, Altonaer Theater

22 Bahnen, Altonaer Theater

Fotos: Caren Detje

Du bist keine gute Mutter, du bist ein Monster


Tilda muss tief ins Schwimmbecken eintauchen, damit sie einen Moment Stille hat. Erst wenn sie die Körper von unten betrachtet und alle anderen Geräusche ausgeschaltet sind, ist ihr tägliches Gedankenkarussel abgeschaltet. Denn den Tag über ist sie nur am Hetzen. Ihre kleine Schwester Ida in die Schule, dann ihre einstündige Fahrt in die Uni, in der Bahn rechnen, später in die Bib, danach ihre Schwester abholen, kurz einkaufen und etwas für sie beide kochen. Wenn nicht ihre Mutter wieder dazwischengrätscht, denn sie ist alkoholkrank und somit unberechenbar. Und Tilda hasst Rechnungen, die sie nicht lösen kann, denn sie studiert Mathematik. Als sie eine Promotionsstelle im weit entfernten Berlin angeboten bekommt, kommt ihr gut geöltes Tagesprogramm ins Stottern. Kann sie ihre Schwester Ida, 10 Jahre alt, alleine lassen? Als sie dann auch noch den zurückhaltenden Viktor kennenlernt, stürzen noch viele weitere Fragen auf sie ein.

Der Erfolgsroman von Caroline Wahl „22 Bahnen“ ist von Kathrin Mayr für das Altonaer Theater inszeniert worden. Sie setzt ihn sinnigerweise in eine Schwimmbadkulisse (Bühne: Christine Grimm). Sie wird zu Tildas und Idas Wohnung, zu Viktors Haus, zur Picknickwiese und zum Freibad. Mit ein paar Verrückungen der Startblöcke entstehen die unterschiedlichen Orte des Geschehens. Ebenso reduziert ist das Ensemble. Mit nur vier Schauspieler:innen (Alicja Rosinski, Marie Stieper, Miriam Schiweck, Jonas Bonham Neubauer) lässt Mayr alle Personen auftreten. Etwas Besonderes hat sie sich für die Figur der Mutter einfallen lassen. Um jeder Klischeeabbildung einer Alkoholikerin entgegen zu wirken, lässt sie sie als rosaplüschiges Monster auftreten, das nicht spricht, sondern nur hilflose, tollpatschige Gesten vollführen kann. Das ist einerseits raffiniert, aber nimmt der Mutter auch ihre Persönlichkeit. Doch hier geht es schließlich um ihre Töchter, die Ko-Abhängigen, die diesem ungreifbaren Wesen zunächst völlig ausgeliefert sind. Bis sie, wie zuerst Tilda und später Ida sich allmählich ihr eigenes Hilfesystem erschaffen, dass sie durch diese Zeit bringt, in der sie eigentlich keine Mutter hatten. Sondern nur ein Monster, wie Tilda es ihr einmal in einer Auseinandersetzung an den Kopf knallt.

In dieser Inszenierung glänzt die Hauptdarstellerin der Tilda. Alicja Rosinski spielt die große, kluge und verantwortungsvolle Schwester in all ihren Aspekten. Ob nun in ihrer Liebe zu ihrer Schwester (ebenfalls überzeugend: Marie Stieper), ihren aufkeimenden Gefühlen gegenüber Viktor, ihrer Verarbeitung der Vergangenheit, ihrer Wut gegen ihre Mutter, ihrer Lust am Leben, ihrer ständigen Überforderung oder ihrer wachsenden Stärke. An diesem sehr konzentrierten Abend kommt auf die Bühne, was auch den Roman so beliebt gemacht hat: Die Wärme und der Zusammenhalt zwischen den Schwestern und das Dennoch des Weitermachens wird auch im Altonaer Theater nachfühlbar.

Birgit Schmalmack vom 31.10.26

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