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Venus im Pelz, Theater Das Zimmer
How Goes The World, Thalia
Trifles und American dream, Audimax
As you want it, UP, Motte
Arme Arme Reiche Reiche, Lichthof
Jungle Book, reimagined, Thalia
Niemandes Schwester, Thalia
Akins Traum, Thalia
Underground Girls, Thalia
Blind runner, Thalia
Die Wanze, Thalia
Die Trauer des Dämons, Thalia
Wunschloses Unglück
Die Mutter ist gestorben. Sie hat mit 51 Jahren Selbstmord verübt. Der Sohn kommt zur Beerdigung und an ihrem Grab ins Nachdenken. Wer war diese Frau? Was hat sie zu diesem Schritt getrieben? In Rückblenden auf ihr Leben spürt er ihrer Entwicklung nach.
Fast zwangsläufig scheint der Lebensweg dieser Frau der Kriegsgeneration verlaufen zu sein. Sie war eine lebenslustige Person. Schon früh war ihr das karge Landleben ihrer Eltern in Österreich nahe der slowenischen Grenze viel zu eng. „Müde - matt - krank – sterbenskrank – tot.“ So spielten die Mädchen auf dem Dorf. „Individuum“ war dort ein Schimpfwort. Eigene Lebenswege verwirklichen zu wollen, war nicht vorgesehen. Eigensinnig zu werden, gehörte sich für Frauen im Besonderen nicht, das Einpassen in die Gesellschaft war gefragt. Man wurde angehalten sich zu begnügen, wie die Eltern sich schon begnügt hatten.
Das junge Mädchen aber wollte die Süße des Lebens kosten. Eine Lehre zur Köchin fern der Eltern im „Gasthaus am See“ gab ihr ein wenig Freiheit. Sie genoss ihr Leben als junge Frau mit vielen Freunden und abendlichen Tanzveranstaltungen. Eine Schwangerschaft, eine Heirat mit einem ungeliebten Versorger und schließlich der Krieg beendete alles viel zu schnell. Schon als Dreißigjährige schwärmte sie nur noch von der schönen Zeit, die sie in ihrer Jugend hatte. Sie schrumpfte als Ehefrau und Mutter und wurde verbittert über einen Ehemann, der sie nicht verstand, zwei Kinder, die Aufmerksamkeit forderten, eine Abtreibung mit gesundheitlichen Spätfolgen und eine dritte ungewollte Schwangerschaft mit vierzig. Mit 51 besorgte sie sich dann 100 Schlaftabletten.
Peter Handke hat in seinem Buch „Wunschloses Unglück“ den Lebensweg der Mutter beschrieben. Harald Baumgartner verkörpert Sohn und Mutter zugleich. Als Sohn stellt er seine distanzierten Betrachtungen durch eine schwarze Intellektuellenbrille an. Die Mutter zeigt Baumgartner hinter einer Maske aus angepasstem Lächeln mit eng aneinander gelegten Beinen, stets nestelnd an der langen Perlenkette zur braven weißen Bluse. Eine anrührende Aufführung hat Dieter Seidel im Theater N.N. auf die intime Bühne in Eimsbüttel gebracht.
Birgit Schmalmack vom 12.4.08
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